Aktuelles, Experten, Gastbeiträge - geschrieben von ks am Mittwoch, April 25, 2012 16:27 - noch keine Kommentare
James Hamptons Notizbuch: Ein kaum bekanntes, aber spannendes kryptologisches Rätsel
Der US-Künstler hinterließ nicht nur eine ungewöhnliche Skulptur als sein einziges Werk, sondern auch einige verschlüsselte Unterlagen, die bisher niemand entschlüsseln konnte
Von unserem Gastautor Klaus Schmeh
[datensicherheit.de, 25.04.2012] Der Besitzer einer Garage in der US-Hauptstadt Washington D.C. staunte nicht schlecht, als er diese im Jahr 1964 öffnete. Er hatte die Räumlichkeit 14 Jahre lang an einen unauffälligen Zeitgenossen namens James Hampton vermietet, der seinen bescheidenen Lebensunterhalt als Hausmeister verdiente. Nun war dieser verstorben, und der Besitzer musste in der Garage nach dem Rechten sehen. Was er dort fand, war verblüffend: ein altarähnliches Kunstwerk, das James Hampton offenbar in jahrelanger Arbeit aus einfachen Materialien zusammengebaut hatte. Diese Installation, die trotz der bescheidenen Möglichkeiten des Schöpfers eine überwältigende Eleganz ausstrahlte, machte Hapton postum zu einer Berühmtheit. Sein Kunstwerk – es ist wahrscheinlich das einzige, das er je angefertigt hat – steht heute im angesehenen Smithsonian American Art Museum in Washington.
Das Kunstwerk war jedoch nicht das einzig Bemerkenswerte, was Hampton hinterließ. In seinem Nachlass fand man auch einige Unterlagen, die der Künstler in einer unbekannten Schrift verfasst hatte. Dazu gehörte vor allem ein Notizbuch mit 104 unlesbar beschriebenen Seiten. Immerhin war der Titel im Klartext notiert: „The Book of the 7 Dispensations by St. James“ („Das Buch der 7 Dispensionen von St. James“). Bisher ist es niemandem gelungen, dieses seltsame Buch zu dechiffrieren. Gleiches gilt für die weiteren Unterlagen, die Hampton in der gleichen Schrift angefertigt hat. Auch einige am Kunstwerk befestigte Etiketten, die auf diese Weise beschriftet sind, haben nicht zur Lösung beigetragen. James Hamptons Notizen bilden daher ein äußerst spannendes kryptologisches Rätsel.
Verschlüsselte Bücher sind in der Geschichte der Kryptologie nicht gerade selten. Der britische Politiker Samuel Pepys, der tschechische Dichter Karel Hynek Mácha, der US-Arzt William Pitt Lawrence und viele andere führten ein verschlüsseltes Tagebuch. Im Jahr 2011 gingen Berichte über den Codex Copiale – ein verschlüsseltes Buch aus dem 18. Jahrhundert – durch die Presse. All diese Manuskripte (und einige mehr) wurden dechiffriert. Sehr selten sind dagegen verschlüsselte Bücher, die bisher nicht gelöst wurden. Das bekannteste davon ist das Voynich-Manuskript – ein Werk aus dem 15. Jahrhundert. Nicht ganz so berühmt, aber nicht weniger rätselhaft, ist der Codex Rohonczi. James Hamptons verschlüsseltes Notizbuch ist quasi das Dritte im Bunde der ungelösten verschlüsselten Bücher. Wenn man will, kann man als viertes noch den ***Codex Seraphinianus***[http://de.wikipedia.org/wiki/Codex_Seraphinianus] dazu zählen – auch wenn dieses verschlüsselte Buch aus dem Jahr 1978 eine historisch unbedeutende Spielerei ist. Weitere ungelöste verschlüsselte Bücher findet man in der Literatur nicht.
Trotz dieser herausragenden Stellung in der Kryptologie-Geschichte haben sich bisher nur wenige Experten mit James Hamptons Notizen beschäftigt. Die beiden einzigen Quellen zum Thema sind zwei Websites – von Dennis Stallings (seit längerem nicht mehr aktualisiert) und von Mark Stamp. Zwangsläufig ist bisher noch nicht klar, ob man die unlesbaren Notizen Hamptons überhaupt entschlüsseln kann oder ob es sich dabei nur um bedeutungslose Buchstabenfolgen handelt. Die statistischen Eigenschaften des Texts zeigen immerhin eine gewisse Ähnlichkeit mit geschriebener Sprache. Dies spricht gegen eine sinnlose Aneinanderreihung von Buchstaben und deutet eher darauf hin, dass Hampton gewöhnliche Texte in von ihm selbst erfundenen Buchstaben aufgeschrieben hat. Um Genaueres zu erfahren, wären weitere Forschungsarbeiten notwendig – momentan scheint sich jedoch niemand mit dem notwendigen Know-how mit diesem Thema zu beschäftigen.
Wer nach der Lösung der Hampton-Notizen sucht, sollte sich auf jeden Fall auch mit den religiösen Vorstellungen des Künstlers auseinandersetzen. Hampton war ein sehr christlicher Mensch. Sein Kunstwerk, das an einer Stelle mit dem Bibelzitat „Fürchte Dich nicht!“ beschrieben ist, ähnelt sicherlich nicht zufällig einem Altar. Es ist durchaus möglich, dass auch seine Geheimschrift einen religiösen Hintergrund hat. Hamptons Notizbuch ist daher nicht nur für Kryptologen eine spannende Aufgabe – auch Religionswissenschaftler könnten zur Lösung beitragen.
Der zu Lebzeiten völlig unbekannte James Hampton schuf eine ungewöhnliche Skulptur (links). Außerdem hinterließ er ein Notizbuch und weitere Unterlagen, die in einer unbekannten Schrift verfasst sind (rechts). Bis heute konnte niemand diese Schriftstücke entschlüsseln.
Klaus Schmeh ist Autor des neu erschienenen Buchs „Nicht zu knacken“ (Hanser Verlag), in dem neben anderen kryptologischen Rätseln auch James Hamptons Notizbuch behandelt wird.
Weitere Informationen zum Thema:
Dennis Jay Stallings
The Secret Writing of James Hampton, African American Sculptor, Outsider Artist, Visionary
Mark Stamp
Hamptonese
datensicherheit.de, 07.11.2011
Wie ein verschlüsselter Text aus dem 18. Jahrhundert für Schlagzeilen sorgte / Ein internationales Forscherteam dechiffrierte ein bisher unbekanntes verschlüsseltes Buch und will nun weitere ungelöste Verschlüsselungen in Angriff nehmen
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datensicherheit.de, 09.12.2009
Voynich-Manuskript für viele das größte Rätsel der Kryptografie-Geschichte / 220-seitige Handschrift in unbekannten Buchstaben verfasst
Klaus Schmeh
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