Aktuelles, Branche, Gastbeiträge - geschrieben von am Mittwoch, Juli 22, 2026 18:33 - noch keine Kommentare

KI-Dilemma: EU AI Act – Bremsklotz oder Erfolgsbooster

Sicherheit oder unternehmerische Freiheit – der EU AI Act stellt die Entscheiderebene vor eine strategische Entscheidung. Regulierung schafft Orientierung, Vertrauen und Planungssicherheit. Gleichzeitig kann sie Innovation verlangsamen und neue KI-Anwendungen mit zusätzlichem Aufwand belasten. Entscheidend ist daher nicht das Ob, sondern das Wie: Unternehmen, denen die Balance zwischen Compliance und Innovationskraft gelingt, sichern sich nachhaltige Wettbewerbsvorteile.

Von unserem Gastautor Dr. Horst-Florian Jaeck, Partner und Managing Director bei valantic

[datensicherheit.de, 22.07.2026] Sicherheit oder unternehmerische Freiheit – Regulierungen sind in der Regel ein zweischneidiges Schwert: Den Befürwortern geben sie die dringend benötigte (Planungs-)Sicherheit, den Gegnern engen sie die Innovationskraft von Unternehmen zu sehr ein, indem neue Technologien wie Künstliche Intelligenz mit zeit- und kostenintensiven Auflagen belegt werden. In diesem Spannungsfeld stellt such die Frage, wie man die richtige Balance findet.

Dr. Horst-Florian Jaeck, Partner und Managing Director bei valantic

Dr. Horst-Florian Jaeck, Partner und Managing Director bei valantic, Bild: valantic

Den EU AI Act sehen die 1000 von valantic und dem Handelsblatt Research Institute (HRI) in einer aktuellen Studie befragten Business-Entscheider mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ein Studienteilnehmer äußerte, dass eine gut ausgestaltete Regulierung als Katalysator für Innovation und deren Verbreitung wirken könne. Zudem führte er aus, Regulierung schaffe Vertrauen und trage dazu bei, Innovationen breiter zu etablieren. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass der AI Act der EU trotz seiner positiven Zielsetzung mit einem erheblichen bürokratischen Aufwand verbunden sei, was sich nachteilig auf die Wettbewerbsfähigkeit auswirken könne.

Der EU AI Act klassifiziert KI-Anwendungen nach ihrem Risikopotenzial

Der EU AI Act teilt AI-Applikationen in verschiedene Risikoklassen. Für Modelle mit hohem systemischem Risiko gelten zusätzliche Prüf- und Überwachungsanforderungen im engen Austausch mit der EU. Es ist vorgesehen, dass 2026 der Großteil der Anforderungen gelten, 2027 dann der Rest.

Unternehmen stehen also definitiv unter Handlungsdruck, wenngleich sich das Regelwerk noch in Bewegung befindet: Im Rahmen der EU-Vereinfachungsagenda haben sich Rat und EU-Parlament Anfang Mai vorläufig auf das sogenannte Omnibus VII-Gesetzgebungspaket geeinigt – ein erstes Änderungspaket, das u. a. eine Fristverlängerung beinhaltet. Die formelle Verabschiedung steht hierfür noch aus, aber die politische Richtung gilt als gesetzt.

Pro und Contra EU AI Act

So bewerten die Teilnehmer der Studie von valantic und HRI die Regulatorik im Detail: 70 Prozent der Befragten (vgl. Studie AI at scale) sehen die Vorgaben eher als Hemmschuh und kritisieren, dass die aktuelle Ausgestaltung des EU AI Act die Wettbewerbssituation europäischer Unternehmen deutlich verschlechtern wird. Denn die obligatorischen Vorgaben ziehen hohe Zeit- und Kostenaufwände nach sich, wodurch europäische Unternehmen gegenüber der internationalen Konkurrenz aus den USA und aus China ins Hintertreffen geraten. Der für die vorgeschriebene Maßnahmen zu betreibende Aufwand sei einfach zu hoch.

Viele Umfrageteilnehmer sehen es zugleich aber auch differenzierter und glauben, dass Unternehmen mit ethischer, transparenter und gut gesteuerter KI bis 2030 erfolgreicher sein werden als Unternehmen, die nur auf Tempo, Automatisierung, Zeit- und Kostengewinne setzen. Für 82 Prozent zählt die Einrichtung von Governance-Strukturen für KI und Daten zu den Top-Erfolgsfaktoren beim Einsatz von KI. Genau diese Unternehmen werden mittel- bis langfristig erfolgreicher sein und mit KI höhere Mehrwerte produzieren als jene, die nur auf Geschwindigkeit und Automatisierung setzen.

Obligatorische Trainings und Wissensaufbau werden befürwortet

Ein anderer Studienteilnehmer erklärte, dass er den EU AI Act aus der Perspektive eines Unternehmens, das KI-Anwendungen einsetzt, grundsätzlich positiv bewerte. Die Regulierung sensibilisiere für potenzielle Risiken und trage dazu bei, dass nicht beliebige Tools ohne Weiteres eingesetzt würden. Darüberhinaus hob er die verpflichtenden Schulungen und den damit verbundene Wissensaufbau als positive Aspekte hervor.

Die Entscheidung für oder gegen eine Regulierung der KI spielt sich derweil nicht nur in Brüssel ab, sondern hat ganz praktische Auswirkungen. Ein konkretes Beispiel: Der US-Anbieter Anthropic hielt Mitte April sein neues KI-Modell Claude Mythos wegen Sicherheitsbedenken zurück und verzichtete auf eine sonst übliche Markteinführung mit lautem Trara. Konkret geht es um die Sorge, dass Hacker Claude Mythos nutzen könnten, um ohne großen Aufwand unzählige bisher unbekannte Sicherheitslücken in IT-Systemen aufzuspüren und dann für ihre Zwecke auszunutzen.

Sicherheitsexperten sprechen von sogenannten „Zero Day“-Schwachstellen. Diese Leaks sind dem Anbieter der entsprechenden Softwarelösung unbekannt, weshalb er seine Nutzer nicht vor ihnen schützen kann. Unter anderem, so Anthropic, habe Mythos eine 27 Jahre alte Schwachstelle im Betriebssystem OpenBSD gefunden. Mehrere Jahrzehnte haben weder IT-Sicherheitsfachleute noch Hacker besagte Lücke aufgespürt, bevor Claude Mythos dann erfolgreich war.

EU AI Act – kurzfristig ein Nachteil, aber langfristig ein Vorteil

Zwar sieht der Großteil der Befragten die aktuelle Ausgestaltung der Regulierung kritisch für die Wettbewerbssituation von europäischen Unternehmen, die KI nutzen. Beispielsweise weisen einige der Umfrage-Teilnehmenden in den Interviews darauf hin, dass der EU AI Act definitiv mit großen bürokratischen Anforderungen und damit einem großen Aufwand einhergeht.

Allerdings lehnen die von valantic und dem HRI befragten Unternehmensentscheider eine Regulierung im KI-Bereich nicht grundsätzlich ab. Ist sie passend aufgesetzt, verbessert sie unter Umständen sogar die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen. Sie kann Vertrauen schaffen. Partner und Kunden, die mit derartig regulierten Unternehmen im Bereich KI zusammenarbeiten, können etwaige Risiken besser einschätzen. Hinzu kommt ein oft übersehener interner Effekt: Für Unternehmen, in denen interne Kritiker oder Zögerer KI-Initiativen bislang gebremst haben, liefert der EU AI Act ein verbindliches Rahmenwerk und damit die nötige Handlungssicherheit, um in die Umsetzung zu starten.

Die Frage nach einer Regulierung der KI lässt sich demnach nicht mit einem kategorischen Ja oder einem kategorischen Nein beantworten. Der EU AI Act ist beides zugleich – potenzieller Wettbewerbsvorteil und -nachteil. Wie er wirkt, hängt stark von Branche, Unternehmensgröße und Geschäftsmodell ab. Die Devise sollte deshalb vielmehr lauten: Ja, regulieren und Missbrauch verhindern, aber bitte mit Augenmaß und so, dass der bürokratische Aufwand für die betroffenen Unternehmen in engen vertretbaren Grenzen bleibt.

Das bedeutet der EU AI Act konkret für europäische und deutsche Unternehmen: Der EU AI Act ist kurzfristig wegen zusätzlicher Kosten und Komplexität ein Wettbewerbsnachteil, kann aber mittelfristig zum klaren Wettbewerbsvorteil werden – vor allem für europäische Unternehmen, die „Trustworthy AI“ und AI Governance professionell aufsetzen und als Qualitätsmerkmal vermarkten. Um KI-Governance effektiv in Organisationen zu integrieren, ist ein strukturierter Ansatz unerlässlich.

Weitere Informationen zum Thema:

datensicherheit.de, 12.06.2026
AI Act der EU: Deutsche Umsetzung soll Unternehmen nun Rechtssicherheit bieten



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