Digitale Souveränität der Betriebe: Der US-Präsident und die Weltpolitik als Verkaufsargumente

Open Source und europäische IT Lösungen stärken die Kontrolle über Daten, Prozesse und Technologien
Denis Meißner berichtet: Viele unserer Kunden, gerade im öffentlichen Bereich, beschäftigen sich viel intensiver mit Datensouveränität, Transparenz, Compliance und Kostenkontrolle, Foto: © ]init[
Denis Meißner berichtet: Viele unserer Kunden, gerade im öffentlichen Bereich, beschäftigen sich viel intensiver mit Datensouveränität, Transparenz, Compliance und Kostenkontrolle, Foto: © ]init[

Geopolitische Spannungen machen technologische Abhängigkeiten zum Geschäftsrisiko. Open Source und europäische IT Lösungen stärken die Kontrolle, reduzieren Herstellerbindungen und sichern langfristig die digitale Wettbewerbsfähigkeit.

Im Kontext globaler politischer Veränderungen hat die Debatte um die Digitale Souveränität offensichtlich an Schärfe gewonnen: Abhängigkeiten der Betriebe von großen Anbietern, geopolitische Spannungen und steigende Anforderungen an Transparenz und Kontrolle zwingen Unternehmen und öffentliche Auftraggeber geradezu zum Umdenken. Rico Barth, CEO von KIX Service Software, und Denis Meißner, „Director Application Management“ bei ]init[, erörtern in einer gemeinsamen Stellungnahme Ursachen, Fehlentwicklungen und konkrete Wege aus der Abhängigkeit.

Rico Barth bemerkt kritisch: Wenn in den letzten Jahrzehnten eine Entscheidung anstand, haben wir uns für den bequemen Weg entschieden – in der IT sehen wir das jetzt sehr konkret, Foto: © KIX Service Software

Datenverarbeitung muss stets selbst zu kontrollieren bzw. unabhängig zu prüfen sein

Digitale Souveränität, von der Volkswirtschaft heruntergebrochen bis zum einzelnen Betrieb, ist derzeit ein gerne bemühter Begriff, aber deren Interpretation variiert offensichtlich sehr stark – Meißner und Barth erläutern ihren Standpunkt hierzu:

„Digitale Souveränität bedeutet für mich, dass wir als Organisation, aber auch als Gesellschaft, die Kontrolle über unsere eigenen Daten, Prozesse und Technologien behalten“, so Meißner. Es gehe vor allem darum, informierte Entscheidungen treffen zu können, statt von einzelnen Herstellern oder „Ökosystemen“ abhängig zu sein. „In unserem Haus bedeutet das konkret: Wir wollen Technologien nutzen, die transparent, offen und nachhaltig beherrschbar sind – sowohl technisch als auch wirtschaftlich.“

Barth betont: „Ich möchte in erster Linie selbst entscheiden, wie ich digitale Produkte einsetze. Ob ich ein Produkt beim Hersteller betreibe oder eine Nutzungslizenz erwerbe, einen Dienstleister beauftrage oder den Betrieb selbst übernehme, sollte keine Rolle spielen!“ Es müsse immer die Möglichkeit geben, die Datenverarbeitung selbst zu kontrollieren oder sie unabhängig prüfen zu lassen. „Und das lässt sich für mich nur durch den Einsatz von Open-Source-Software erreichen. So können wir den Quellcode und die Art der Datenverarbeitung transparent nachvollziehen.“

Bequemlichkeit und Verzagtheit als Hemmnis Digitaler Souveränität in Betrieben und der Gesellschaft

Zögerliche Entwicklungen der letzten Jahre, aber auch nachdenklich stimmende Vorkommnisse haben immer deutlicher gezeigt, dass Deutschland bei der Frage Digitaler Souveränität ins Hintertreffen zu geraten droht. Meißner und Barth kommentieren die Situation:

Nach Meißners Meinung gibt es verschiedene Ursachen: „Die regulatorischen Rahmenbedingungen sind oft komplex und langsamer als die technologische Entwicklung. Hinzu kommen historisch gewachsene Abhängigkeiten von großen US-Anbietern, die sich über Jahrzehnte verfestigt haben. Und letztendlich gibt es in Deutschland auch eine gewisse kulturelle Vorsicht gegenüber neuen Technologien – wir sind manchmal zu gründlich, bevor wir mutige Schritte gehen.“ Kompetenz sei indes genug vorhanden, aber man setze diese nicht immer „strategisch genug“ ein.

Barth spitzt es sogar noch zu: „In Deutschland herrscht nicht nur Vorsicht, sondern vor allem Bequemlichkeit. Wenn in den letzten Jahrzehnten eine Entscheidung anstand, haben wir uns für den bequemen Weg entschieden. In der IT sehen wir das jetzt sehr konkret.“ Die Politik hätte schon vor langer Zeit den Staat als Ankerkunden für die europäische IT-Industrie positionieren müssen. Er moniert: „Stattdessen haben wir uns abhängig von außereuropäischen Großkonzernen gemacht. Und somit letztlich erpressbar. Wären die Milliarden in die europäische IT-Industrie geflossen, allem voran in den Innovationstreiber ,Open Source’, könnten wir heute deutlich souveräner auftreten.“

Gipfeltreffen zur Digitalen Souveränität Europas Ende 2025 könnte Wegweiser sein

Beide gehen auch kritisch auf die nach ihrer Ansicht größten politischen Fehlentscheidungen in diesem Zusammenhang ein:

„Es gab einige!“, sagt Barth. Beispielsweise die Verlängerung der Rahmenverträge mit großen US-Anbietern. Ebenso die Entscheidung, die Budgets zur Verbesserung der Digitalen Souveränität und für die Digitalisierung massiv zu kürzen. „Positiv war, dass Friedrich Merz Ende 2025 auf dem Gipfel zur Digitalen Souveränität Europas betont hat, dass wir uns digital unabhängiger aufstellen müssen. So klar hat vorher noch kein Politiker die Lage beschrieben.“

Meißner führt aus: „Was politische Entscheidungen der letzten Jahre betrifft, sehe ich weniger klare Fehlentscheidungen, sondern in erster Linie eine gewisse Zögerlichkeit. Viele Maßnahmen wurden zu spät getroffen, zu eng gefasst oder ohne langfristige Strategie umgesetzt.“ Der viel zu lange währende Fokus auf wenige große Cloud-Anbieter sei zwar pragmatisch gewesen, habe aber unsere digitale Unabhängigkeit geschwächt. „Auch bei Themen wie ,Open Source’ oder dem Aufbau eigener digitaler Infrastrukturen hätte ich mir frühere und konsequentere Impulse gewünscht.“

Trend der Hinwendung zu „Made in EU“

Barth gibt zur Frage nach konkreten Maßnahmen Deutschlands und der EU folgende Empfehlung: „Die EU und Deutschland müssen ihre Macht als Ankerkunde der europäischen IT-Industrie wahrnehmen! Ich bin der festen Überzeugung, wenn der Staat seine Einkaufsmacht zum Kauf und zur Nutzung europäischer, digital souveräner IT-Lösungen nutzt, könnten viele Förderprogramme stark zurückgefahren oder sogar gänzlich abgeschafft werden. Das spart Haushaltsmittel, vereinfacht die viel zu komplizierte Förderbürokratie und befeuert gleichzeitig den Aufbau und die Innovation europäischer Unternehmen.“

Er äußert sich zudem zu dem erkennbaren Rückgang der Nachfrage nach Closed- und Non-EU-Software: „Das spüren wir bei KIX eindeutig.“ Amüsiert bekundet er kurz und knapp: „Trump und die Weltpolitik sind gute Verkäufer!“

Auch Meißner sieht diesen Trend: „Wir merken das auch deutlich. Viele unserer Kunden, gerade im öffentlichen Bereich, beschäftigen sich viel intensiver mit Datensouveränität, Transparenz, Compliance und Kostenkontrolle. Closed-Software wird kritischer gesehen, weil Preisentwicklungen weniger planbar sind, Datenhaltung nicht immer europäischen Standards entspricht und Anpassungen stark vom Hersteller abhängen.“ Gleichzeitig nehme der Wunsch nach offenen Standards, nachvollziehbaren Architekturen und vertrauenswürdigen europäischen Partnern zu.

Digitale Souveränität als einschneidender struktureller und auch kultureller Wandel

Meißner meint, dass dieser Trend aus seiner Sicht mindestens in Mitteleuropa bzw. der EU dauerhaft bleiben wird: „Die Diskussion um Digitale Souveränität ist kein kurzfristiges Thema, sondern ein einschneidender, struktureller Wandel, der sich in vielen Entscheidungen unserer Kunden widerspiegelt!“ Bei vielen Unternehmen und Behörden kehre nun die Einsicht ein, dass es nicht ratsam sei, bildhaft alle „Werkzeuge und Schlüssel“ aus der Hand zu geben. In diesem Kontext geht er auch auf die seit Anfang 2026 bestehende Partnerschaft zwischen ]init[ und KIX ein – als ein Angebot, um der Abhängigkeit zu entkommen:

„Es ist jedenfalls Teil unseres größeren Konzepts, Alternativen zu bieten. Wir verfolgen seit Jahren, wie sich Open-Source-Lösungen im IT Service-Management entwickeln, und KIX ist uns immer wieder positiv aufgefallen – technologisch, strategisch und als Unternehmen.“ Viele ihrer Kunden suchten ein leistungsstarkes, flexibles, auditierbares und souveränes ITSM-System. KIX erfülle genau diese Anforderungen: „,Open Source’, deutsche Entwicklung, sowohl ,on-prem’ als auch in souveränen Cloud-Umgebungen betreibbar, hochgradig anpassbar und frei von Herstellerabhängigkeiten. Also eine echte Alternative.“

Barth ergänzt: „Als Digitalisierungsdienstleister ist ]init[ seit Jahren fest in Deutschland und Europa verankert und hat ein starkes Portfolio an Open-Source-Lösungen aufgebaut. Wir sind stolz darauf, dass wir nun Teil dieser Open-Source-Strategie sind.“ Ihnen als Softwarehersteller ermögliche so eine Partnerschaft, den Fokus auf die Entwicklung der Software und den Softwaresupport zu setzen sowie beizubehalten. „Und: das macht uns zu einer ernstzunehmenden Alternative zu ITSM-Lösungen von BMC, ivanti, Atlassian oder ServiceNow.“

„Road Map“ zur Förderung Digitaler Souveränität

Meißner unterstreicht abschließend drei klare Ziele: „Wir wollen souveräne Alternativen weiter stärken und unseren Kunden Lösungen zur Unabhängigkeit anbieten – technisch, organisatorisch und wirtschaftlich.“ Sie möchten demnach „offene Ökosysteme“ weiter ausbauen, weil dies Innovation, Sicherheit und Flexibilität vereinten.

„Und wir werden hybride Betriebsmodelle konsequent anbieten, damit unsere Kunden frei entscheiden können, ob sie ,on-prem’, souveräne Cloud oder Mischformen bevorzugen“, stellt Meißner klar.

Barth bekennt sich auch zukünftig zu einem aktiven Engagement in ihrem Branchenverband OSBA: „Es braucht weiterhin eine starke Stimme für Digitale Souveränität, aber auch für Zusammenarbeit und Offenheit in der IT-Industrie Europas! Die Rede von Friedrich Merz ist ein wichtiger erster Schritt auf dem Weg zu einem digital souveränen Europa.“

Als Verband sowie auch als einzelnes Open-Source-Unternehmen werde man ihn dabei unterstützen und auch daran messen – und, wenn nötig, auch immer wieder einmal daran erinnern.

Zentrale Erkenntnisse der DS-Redaktion

  • Die gegenwärtig wahrgenommenen geopolitischen Verwerfungen werden offensichtlich lange anhalten, so dass ein Abwarten einzelner Betriebe oder gar ganzer Volkswirtschaften in Europa auf eine Rückkehr der vermeintlich „guten alten Zeit“ verlässlicher transatlantischer Beziehungen keine Option mehr sein darf – jetzt gilt es dringend, Verantwortung zu übernehmen!
  • Digitale Souveränität wird nie ein Zustand, sondern – wie Datensicherheit im weiteren Sinne ja auch – stets ein zu optimierender Prozess sein. Das Zeitalter der gemütlichen Vertrautheit ist vorüber!
  • Daher müssen – vor allem in Deutschland – Bequemlichkeit sowie Verzagtheit endlich überwunden werden, indes sollte aber statt Aktionismus zu frönen zielorientiert und nachhaltig gehandelt werden.
  • Den Bemühungen der Bundesregierung zur Stärkung der Digitalen Souveränität gilt es eine Chance zu geben, diese sollten aber auch einem stets zeitnahen Erfolgs-Controlling durch Fachverbände und die interessierte Öffentlichkeit unterliegen.
  • Das Primat des eigenverantwortlichen Auswählens und Handelns gilt es zu schützen.

Weitere Informationen

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15. Oktober 2026
20:10 Uhr