Cyberkriminelle missbrauchen vermeintliche Claude-Max-Gratisangebote, um Google-Zugangsdaten zu stehlen. Unternehmen sollten Mitarbeiter für KI-bezogene Phishing-Angriffe sensibilisieren und Konten durch geeignete Maßnahmen schützen.
Laut Dr. Martin J. Krämer, „CISO Advisor“ bei KnowBe4 lockt derzeit eine Phishing-Kampagne mit angeblich kostenlosen Abonnements für „Claude Max“ – also gerade mit dem Tarif mit den höchsten Nutzungslimits von Anthropics KI-Assistent „Claude“. Nutzern dieses vermeintlich verlockenden Angebots droht demnach dann aber ein Abgriff der Zugangsdaten zu „Google“-Konten. Entdeckt und analysiert haben diese Kampagne Sicherheitsforscher von Malwarebytes.
Fake-Webseite verzichtet auf Zahlungsdaten und erweckt damit Vertrauen
Diese Kampagne zeige, wie konsequent Cyberkriminelle die große Nachfrage nach KI-Diensten ausnutzten. Krämer berichtet: „Die Phishing-Seite behauptet, Anthropic habe die Marke von 100 Millionen Nutzern überschritten und verschenke aus Dankbarkeit 10.000 einmonatige ,Claude Max’-Abonnements. Die Aufmachung wirkt seriös.“
Es würden das echte Logo und die Markenfarben verwendet, erfundene Fünf-Sterne-Bewertungen angezeigt – und die Webseite enthalte einen umfangreichen Footer, dessen Links fast ausschließlich auf echte Anthropic-Webseiten führten.
Zusätzlich setze diese Webseite auf künstliche Verknappung. Den Opfern werde durch einen gefälschten digitalen Zähler mitgeteilt, dass weniger als 750 der 10.000 Gratis-Abonnements übrig seien – und diese Zahl sinke dann alle paar Sekunden weiter. „Auffällig ist zudem, dass die Seite tatsächlich keine Zahlungsdaten verlangt. Gerade das wirkt vertrauenswürdig, da viele Menschen Betrug in erster Linie mit der Abfrage von Kreditkartendaten verbinden.“
Nutzer landen immer beim gefälschten „Google“-Login
Das eigentliche Ziel sei indes das „Google“-Konto. Die Phishing-Seite biete scheinbar mehrere Anmeldewege an, doch nur einer funktioniere. „Wer sich über ,Apple’ anmelden möchte, erhält eine vorgefertigte Meldung, diese Option sei vorübergehend nicht verfügbar.“
„Gibt man stattdessen eine E-Mail-Adresse ein, verwirft die Seite die Eingabe und leitet automatisch zur ,Google’-Anmeldung weiter. Ganz gleich, welchen Weg Nutzer wählen: Am Ende landen sie immer beim gefälschten ,Google’-Login.“
Technisch setzten die Angreifer auf die sogenannte Browser-in-the-Browser-Methode: „Ein Klick auf den ,Google’-Button öffnet kein echtes Anmeldefenster. Stattdessen zeichnet die Seite innerhalb des bestehenden Tabs ein täuschend echtes Browser-Fenster, das sich sogar verschieben lässt.“
Browser-in-the-Browser-Methode
Die Browser-in-the-Browser-Methode (BitB) ist eine Phishing-Technik, bei der Cyberkriminelle ein gefälschtes Browserfenster innerhalb einer Website erstellen. Dieses sieht beispielsweise wie ein echtes Anmeldefenster eines Online-Dienstes aus und kann sogar eine gefälschte Adresszeile mit der korrekten Webadresse anzeigen. Geben Nutzer dort ihre Zugangsdaten ein, können diese in die Hände der Angreifer gelangen.
Dieses zeige die korrekt geschriebene „Google“-Adresse und das Schloss-Symbol, an dem viele Nutzer eigentlich eine sichere Verbindung erkennen würden. „Tatsächlich sind Adressleiste, Schloss und Inhalt jedoch nur Teil der Phishing-Seite“, warnt Krämer.
Phishing-Werkzeug wird offenbar laufend weiterentwickelt
Er führt weiter zum Procedere aus: „Bevor das Fenster nach dem Passwort fragt, verlangt es zunächst eine Bestätigung, dass ein Mensch vor dem Bildschirm sitzt. Das kann Besucher in Sicherheit wiegen und zugleich automatisierte Sicherheitsscanner von der eigentlichen Passwortabfrage fernhalten.“
Diese Technik sei seit 2022 bekannt. Erst im Juni 2026 hätten die Sicherheitsforscher der „Unit 42“ über eine Kampagne berichtet, welche mit verschiebbaren Fake-Fenstern „Microsoft 365“-Nutzer ins Visier genommen habe.
„Bemerkenswert ist, wie wenig Aufwand die Angreifer betreiben mussten. Das gefälschte Anmeldefenster stammt von einem externen Dienst, der es als fertigen Baustein samt Anleitung anbietet“, so Krämer. Eingebunden werde es mit nur einer Codezeile. Die Kommentare im Code seien auf Russisch verfasst und würden die Zielperson schlicht „Opfer“ nennen. Zudem werde das Werkzeug offenbar laufend weiterentwickelt. Malwarebytes gehe deshalb von einem professionell gepflegten Produkt aus, welches sich für weitere Kampagnen wiederverwenden lasse.
Problem kein Einzelfall
Der mögliche Schaden reiche weit über das KI-Abonnement hinaus. Mit einem „Google“-Konto erhielten Angreifer Zugriff auf E-Mails, Dokumente und Links zum Zurücksetzen der Passwörter anderer Dienste. „Wer sich bei ,Claude’ per ,Google’ anmeldet, riskiert außerdem die Übernahme seines ,Claude’-Kontos.“
Malwarebytes habe dokumentiert, wie sogenannte Infostealer „Claude“-Konten kaperten und die bezahlten Kontingente der Opfer für sich nutzten. „Das Problem ist kein Einzelfall. Laut Microsoft gibt es immer mehr Phishing-, Malvertising- und Suchmaschinen-Kampagnen, die sich als ,ChatGPT’, ,Claude’, ,DeepSeek’ oder ,Copilot’ ausgeben.
Die Angriffsmethode sei darauf ausgelegt, dass Nutzer die falsche Adressleiste prüften. Krämer betont: „Entscheidend ist allein die Adressleiste des tatsächlichen Browsers am oberen Bildschirmrand – und die zeigt während des gesamten Vorgangs die Domain der Phishing-Seite.“
Angebote durch Aufsuchen der Original-Website überprüfen
Krämer rät: „Ein einfacher Test kann hier helfen: Lässt sich das Anmeldefenster nicht über den Rand der Webseite hinausziehen, ist es gefälscht!“ Auch Passwort-Manager böten Schutz, denn sie prüften die echte Webadresse und füllten „Google“-Zugangsdaten auf fremden Seiten nicht aus.
Angebote sollten Nutzer eben direkt auf der offiziellen Website des Anbieters prüfen, statt Links zu folgen. Countdowns und Restplatz-Zähler seien keineswegs ein Beleg für ein echtes Angebot – und wenn nur eine einzige Anmeldeoption funktioniert, sei Misstrauen angebracht.
Krämer empfiehlt abschließend: „Wer seine Daten bereits eingegeben hat, sollte das Passwort über die echte Website des Anbieters ändern, alle anderen Sitzungen abmelden sowie verbundene Apps und unbekannte Geräte überprüfen! Das Schließen des Tabs macht eine Anmeldung nicht rückgängig.“
Zentrale Erkenntnisse der DS-Redaktion
- Google-Konten im Visier: Ein vermeintliches Gratis-Angebot für Claude Max dient als Köder, um Zugangsdaten abzugreifen.
- Künstliche Verknappung erzeugt Zeitdruck: Gefälschte Nutzerzahlen, Fünf-Sterne-Bewertungen und ein manipulierter Countdown sollen Vertrauen schaffen und schnelle Entscheidungen erzwingen.
- Täuschend echtes Login-Fenster: Die Browser-in-the-Browser-Methode imitiert eine Google-Anmeldemaske samt Adressleiste und Schloss-Symbol.
- Professionalisierte Angriffswerkzeuge: Fertige Phishing-Komponenten ermöglichen die einfache Integration gefälschter Login-Fenster und die Wiederverwendung für weitere Kampagnen.
- Weitreichende Folgen für Unternehmen: Kompromittierte Konten gefährden E-Mails, Dokumente und weitere Dienste. Passwort-Manager und die Prüfung der tatsächlichen Browser-Adresse bieten zusätzlichen Schutz.
Fazit der DS-Redaktion
Cyberkriminelle nutzen den KI-Boom gezielt für professionelle Phishing-Angriffe. Die Übernahme einzelner Google-Konten kann weitreichende Folgen für Unternehmensdaten und digitale Dienste haben. Unternehmen sollten Mitarbeiter für KI-bezogene Betrugsmaschen sensibilisieren, den Einsatz von Passwort-Managern und Mehr-Faktor-Authentifizierung fördern und klare Prozesse für den Umgang mit verdächtigen Angeboten etablieren.
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