Die klassische IT-/OT-Trennung greift zu kurz. xOT nimmt alle Systeme in den Blick, die physische Prozesse und damit den Geschäftsbetrieb beeinflussen und zwar unabhängig von ihrer technischen Zuordnung. Somit entsteht ein ganzheitlicher Ansatz für die operative Cybersicherheit.
Ein Kommentar von Jan Hoff, Digital Forensics and Incident Response Lead bei Dragos
Lange Zeit gingen viele Unternehmen davon aus, dass ihre Operational Technology (OT) ausreichend von der Information Technology (IT) getrennt sei und deshalb kein eigenes Cybersicherheitsprogramm benötige. Andere versuchten, bereits etablierte IT-Sicherheitsmaßnahmen unangepasst auf OT-Umgebungen zu übertragen – häufig mit begrenztem Erfolg. Mit der zunehmenden Vernetzung operativer Umgebungen (digital und prozedural) reicht diese Sichtweise jedoch nicht mehr aus.
Heute beeinflussen deutlich mehr Systeme physische Prozesse als klassische Steuerungen oder industrielle Steuerungs- und Leitsysteme. Entscheidend dafür, ob ein System in den Schutzbereich fällt, ist nicht seine technische Kategorie, sondern seine tatsächliche Auswirkung: Wenn ein Ausfall bzw. Manipulation einen physischen Prozess beeinträchtigen oder zum Stillstand bringen würde, ist das System betriebsrelevant – unabhängig davon, ob es sich um eine Gebäudeautomatisierung auf dem Werksgelände oder ein System handelt, von dem eine Produktionslinie abhängig ist.
Genau hier setzt der Begriff Extended Operational Technology (xOT) an. xOT etabliert einen neuen Standard dafür, wie Unternehmen ihre gesamte operative Umgebung definieren und schützen können. Es erweitert den Blick, sodass alle Systeme abgedeckt werden, die Einfluss auf physische Prozesse haben – unabhängig davon, ob sie traditionell der IT, OT, IoT oder dem Industrial Internet of Things (IIoT) zugeordnet werden.
xOT: Wenn die klassische IT-/OT-„Trennung“ nicht mehr ausreicht
Die traditionelle Unterscheidung zwischen IT und OT hilft dabei, Systeme entsprechend ihrer primären Funktion einzuordnen. Für die Bewertung von Cyberrisiken reicht diese Betrachtungsweise jedoch häufig nicht mehr aus. Angreifer unterscheiden nicht zwischen technischen Kategorien oder organisatorischen Zuständigkeiten. Stattdessen suchen sie nach Systemen, die sie nutzen können, um ihr Ziel zu erreichen – den Betrieb einer Organisation zu stören oder zu beeinflussen.
Ein einfaches Beispiel verdeutlicht diesen Unterschied: Ein Server, der ausschließlich interne Verwaltungsaufgaben übernimmt, ist ein typisches IT-System. Steuert derselbe Server jedoch die Kühlung eines Rechenzentrums oder unterstützt ein Gebäudeautomationssystem, das für den sicheren Betrieb eines Standorts erforderlich ist, kann sein Ausfall unmittelbare Auswirkungen auf physische Prozesse haben.
Dasselbe Prinzip gilt für ein Human Machine Interface (HMI), also die Schnittstelle zur Überwachung und Steuerung industrieller Anlagen. Obwohl ein HMI häufig auf einem Windows-basierten Rechner läuft und vom IT-Team verwaltet wird, kann sein Ausfall direkte Auswirkungen auf die Produktion haben. Seine Relevanz ergibt sich daher nicht aus dem Betriebssystem, sondern aus der Rolle, die es im Produktionsprozess einnimmt.
Alle betriebsrelevanten Systeme im Blick
xOT ist keine neue Technologiekategorie und ersetzt auch nicht das Konzept der OT. Stattdessen definiert es einen umfassenderen Schutzbereich, der alle Systeme umfasst, die Einfluss auf physische Prozesse haben – unabhängig davon, auf welcher Technologie sie basieren oder welches Team für sie verantwortlich ist. Diese Herangehensweise trägt der Realität heutiger operativer Umgebungen Rechnung. Sie bestehen aus einer Vielzahl miteinander vernetzter Systeme, die gemeinsam physische Prozesse unterstützen.
Ein neuer Ansatz für operative Cybersicherheit
Die Grenzen zwischen IT und OT bleiben auch künftig relevant. Für den Schutz heutiger operativer Umgebungen reicht diese Unterscheidung allein jedoch nicht mehr aus. Unternehmen müssen ihren Schutzbereich stattdessen danach ausrichten, welche Systeme tatsächlich für ihre physischen Prozesse kritisch sind. Genau hier setzt xOT an: Es schafft einen gemeinsamen Rahmen für die Definition und den Schutz moderner operativer Umgebungen – und einen neuen Ansatz für operative Cybersicherheit.
Zentrale Erkenntnisse der DS-Redation
- Klassische IT-/OT-Trennung bildet die Betriebsrealität nicht mehr vollständig ab: Für die Cybersicherheit zählt nicht die technische Zuordnung, sondern der tatsächliche Einfluss auf den Betrieb.
- xOT erweitert den Schutzbereich: Erfasst werden alle Systeme, deren Ausfall oder Manipulation physische Prozesse beeinträchtigen kann.
- Betriebsrelevanz ist entscheidend: Auch IT-, IoT- oder IIoT-Systeme können Teil der operativen Angriffsfläche sein.
- Ganzheitlicher Schutz wird notwendig: Unternehmen müssen ihre operative Umgebung technologie- und zuständigkeitsübergreifend betrachten.
- xOT schafft einen gemeinsamen Rahmen: Der Ansatz verbindet die Identifikation betriebsrelevanter Systeme mit einer umfassenderen operativen Cybersicherheit.
Fazit
xOT erweitert den Blick über klassische OT-Grenzen hinaus und richtet Cybersicherheit konsequent an der tatsächlichen Betriebsrelevanz von Systemen aus.
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