KI-Modelle im Visier: Cyber-Kriminelle machen gestohlene Zugänge zum Geschäft

Session-Tokens, API-Keys und missbrauchte Free Trials eröffnen Zugang zu leistungsstarken KI-Modellen
Arkadiusz Krowczynski, Principal Product Acceleration Specialist bei Okta
Arkadiusz Krowczynski, Principal Product Acceleration Specialist bei Okta, Bild: Okta

Die rasante Nachfrage nach leistungsstarken KI-Modellen schafft einen neuen lukrativen Markt für Cyber-Kriminelle. Laut Okta Threat Intelligence werden gestohlene Session-Tokens und API-Keys genutzt, um KI-Konten zu übernehmen und herkömmliche Login- sowie Multi-Faktor-Authentifizierungen zu umgehen. Parallel dazu missbrauchen Angreifer automatisierte Fake-Registrierungen und großzügige Start-up-Credits, um große Mengen an KI-Nutzung zu erschleichen und anschließend auf dem Schwarzmarkt weiterzuverkaufen.

Der Boom leistungsstarker KI-Modelle schafft einen lukrativen Markt für Cyber-Kriminelle und erhöht damit das finanzielle und operative Risiko für Unternehmen. Laut Okta Threat Intelligence (OTI) nehmen Angriffe auf KI-Zugänge deutlich zu. Kompromittierte Accounts werden auf dem Schwarzmarkt mit Preisnachlässen von 70 bis 90 Prozent gegenüber regulären Abonnements gehandelt.

Für Unternehmen geht es dabei längst nicht mehr nur um den Verlust einzelner Zugänge. Der unautorisierte Einsatz von KI kann erhebliche und schwer kalkulierbare Kosten verursachen. Wie gravierend die finanziellen Folgen ausfallen können, zeigt ein dokumentierter Fall mit einer Rechnung von nahezu einer Million US-Dollar (859.210 Euro) für nicht autorisierte KI-Nutzung.

Mit der wachsenden Verbreitung von KI rücken damit Identitäten, Zugriffsrechte und Nutzungskosten unmittelbar in den Fokus des Risikomanagements. Unternehmen müssen Zugriffsrechte auf KI-Dienste konsequent steuern, deren Nutzung überwachen und die daraus entstehenden Kosten transparent kontrollieren.

Identitäten rücken ins Zentrum der Angriffe

Eine zentrale Angriffsmethode ist die Übernahme bestehender KI-Konten. Angreifer setzen dafür auf Infostealer und gestohlene Session-Tokens, um sich Zugriff auf bereits authentifizierte Konten zu verschaffen. Passwörter allein bieten damit keinen ausreichenden Schutz. Gültige Sitzungen und API-Schlüssel können direkt aus kompromittierten Browsern abgegriffen und anschließend für den Zugriff auf KI-Dienste verwendet werden.

Besonders relevant für Unternehmen ist die Möglichkeit, auf diese Weise etablierte Sicherheitsmechanismen zu umgehen. Mit einem gültigen Session-Token können Angreifer den regulären Anmeldeprozess einschließlich der Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA) umgehen. Die Absicherung einer digitalen Identität endet deshalb nicht beim Login. Entscheidend ist die kontinuierliche Kontrolle aktiver Sitzungen und ihrer Nutzung.

Wie groß das potenzielle Ausmaß ist, zeigt die Analyse eines sieben Gigabyte großen Infostealer-Datenbestands vom 2. August 2026. Er enthielt Informationen von 5.871 infizierten Rechnern aus 162 Ländern. Darunter befanden sich Tausende gültige Session-Tokens für große Technologie- und KI-Anbieter wie Google, Microsoft, Anthropic und Amazon.

Zusätzlich fanden die Sicherheitsexperten Tausende JSON Web Tokens (JWTs). Bei nahezu 18 Prozent enthielten die Tokens unverschlüsselte personenbezogene Informationen wie Namen, Telefonnummern und E-Mail-Adressen. Neben dem unmittelbaren Kontenmissbrauch entsteht damit weiteres Angriffspotenzial für Phishing und Social Engineering.

KI-Modelle: Kostenlose Angebote geraten ins Visier

Neben der Übernahme bestehender Accounts verfolgen Angreifer ein zweites Geschäftsmodell bei dem sie kostenlose Testangebote, Start-up-Programme und Promo-Credits automatisiert ausnutzen, um große Mengen an KI-Ressourcen zu erhalten und anschließend auf dem Graumarkt anzubieten.

Dienste wie „Poison Claude“ oder „Ecomagent.in“ werben mit umfangreichen oder vermeintlich unbegrenzten Token-Kontingenten zu einem Bruchteil der regulären Kosten. Grundlage sind unter anderem massenhafte Registrierungen gefälschter Accounts. Bot-Netzwerke ermöglichen es, Start-up- und Promo-Angebote in großem Umfang auszuschöpfen.
Das wirtschaftliche Potenzial solcher Programme ist erheblich. Google bietet Start-ups beispielsweise bis zu 350.000 US-Dollar an kostenlosen Credits, Anthropic bis zu 100.000 US-Dollar. In den Händen professionell organisierter Betrüger können solche Programme eine beträchtliche Quelle für kostenlose Rechen- und Modellkapazität darstellen.

Wie stark die Automatisierung bereits fortgeschritten ist, zeigt ein weiterer Fall aus der OTI-Analyse. Bei einem Anbieter von KI-Videodiensten wurden innerhalb eines Monats mehr als 105.000 Registrierungsversuche von lediglich 251 IP-Adressen registriert. Wegwerf-E-Mail-Adressen und weitere Verfahren zur automatisierten Kontoerstellung erleichtern dabei die Umgehung bestehender Kontrollen.

Für Anbieter und Unternehmen entstehen damit mehrere Risiken gleichzeitig. Neben dem direkten finanziellen Schaden durch missbrauchte Ressourcen drohen Kontrollverlust über Zugänge, höhere Betriebskosten und eine Ausweitung der Angriffsfläche.

Identitätssicherheit braucht neue Kontrollen

Unternehmen stellt sich deshalb zunehmend die Frage, wie sich KI-Zugänge, Identitäten und Nutzungskosten wirksam kontrollieren lassen. OTI empfiehlt Security Teams, die Absicherung nicht allein auf Passwörter und MFA zu konzentrieren, sondern den gesamten Lebenszyklus einer Sitzung zu überwachen, um verdächtige Aktivitäten frühzeitig zu erkennen und kompromittierte Zugriffe möglichst schnell zu unterbinden.

Eine zentrale Rolle spielt dabei das kontinuierliche Session Monitoring, bei dem aktive Sitzungen fortlaufend auf ungewöhnliche Veränderungen geprüft werden. Wird beispielsweise ein Session-Token aus einem unerwarteten Kontext wiederverwendet, kann dies auf eine Kompromittierung hindeuten und unmittelbar eine entsprechende Reaktion auslösen. Ergänzend sollten Unternehmen über Funktionen verfügen, mit denen kompromittierte Sitzungen zentral und anwendungsübergreifend beendet werden können. Ein Universal-Logout ermöglicht den sofortigen Widerruf aktiver Sessions und verkürzt damit die Zeitspanne zwischen der Kompromittierung einer Identität und der Eindämmung des Vorfalls erheblich.

Auch die Absicherung von API-Keys erfordert klare Vorgaben, da kompromittierte Schlüssel andernfalls einen direkten Zugriff auf KI-Dienste und damit potenziell erhebliche Folgekosten ermöglichen. Unternehmen sollten Berechtigungen deshalb auf das notwendige Maß begrenzen und Zugriffe, wo möglich, auf definierte IP-Bereiche oder vertrauenswürdige Umgebungen beschränken. Selbst wenn ein Schlüssel in falsche Hände gerät, lässt sich sein Missbrauch auf diese Weise deutlich erschweren und das mögliche Schadensausmaß begrenzen.

Bereits bei der Erstellung neuer Konten können Unternehmen zusätzliche Kontrollmechanismen etablieren. Phishing-resistente Verfahren wie Passkeys erhöhen die Hürden für automatisierte und betrügerische Registrierungen, da sich entsprechende Zugangsdaten weder einfach weitergeben noch in großem Umfang automatisiert erzeugen lassen. Gerade angesichts des massenhaften Missbrauchs kostenloser KI- und Cloud-Angebote kann eine solche Absicherung dazu beitragen, die Skalierung entsprechender Betrugsmodelle deutlich zu erschweren.

KI-Governance gehört auf die Managementagenda

Die Entwicklung zeigt, dass KI-Sicherheit längst über klassische IT-Security hinausgeht. Mit der zunehmenden Nutzung von KI-Modellen und KI-Agenten entstehen neue Abhängigkeiten zwischen Identitäten, Berechtigungen, Daten und Kosten. Ein kompromittierter Zugang kann deshalb nicht nur einen Sicherheitsvorfall auslösen, sondern unmittelbar finanzielle und operative Folgen haben.

„Diese Sicherheitsforschung unterstreicht unsere firmenweite Annahme, dass die Zukunft der Cyber-Sicherheit zu einem großen Teil aus der Identitätssicherheit bestehen wird, denn je mehr KI-Modelle und KI-Agenten ausgerollt und eingesetzt werden, desto wichtiger wird es, den Zugriff zu verwalten – sowohl die Zugriffsrechte der Nutzer hin zu den Modellen, als auch jene der Modelle selbst“, erklärt Arkadiusz Krowczynski, Principal Product Acceleration Specialist bei Okta.

Zentrale Erkenntnisse der DS-Redaktion

  • KI-Zugänge entwickeln sich zum lukrativen Angriffsziel
    Der wachsende Einsatz leistungsstarker KI-Modelle eröffnet Cyber-Kriminellen neue Geschäftsmodelle, bei denen kompromittierte Zugänge mit Rabatten von bis zu 90 Prozent gehandelt werden.
  • MFA allein bietet keinen vollständigen Schutz
    Gestohlene Session-Tokens und API-Keys ermöglichen die Übernahme bereits authentifizierter Sitzungen und können damit klassische Login-Mechanismen einschließlich MFA umgehen.
  • KI-Missbrauch kann erhebliche finanzielle Schäden verursachen
    Nicht autorisierte Nutzung von KI-Diensten kann zu unkontrollierten Kosten führen. Ein dokumentierter Fall zeigt eine Rechnung von nahezu einer Million US-Dollar.
  • Kostenlose Credits und Testangebote werden systematisch ausgenutzt
    Automatisierte Fake-Registrierungen und Bot-Netzwerke ermöglichen es Angreifern, Start-up- und Promo-Credits massenhaft abzuschöpfen und die erworbenen Ressourcen anschließend auf dem Graumarkt anzubieten.
  • Identity Security wird zur Voraussetzung für sichere KI-Nutzung
    Unternehmen benötigen eine durchgängige Kontrolle über Identitäten, Berechtigungen, aktive Sitzungen, API-Zugriffe und Nutzungskosten, um KI sicher und wirtschaftlich einzusetzen.

Weitere Informationen

Okta
Free tokens for sale: How fake signups drive AI fraud

Okta
Signing in without actually signing in

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