Die Störung der italienischen Flugsicherung verdeutlicht, wie kritisch resiliente Datennetze für den sicheren Betrieb Kritischer Infrastrukturen sind. Der Vorfall zeigt, dass Redundanz allein nicht ausreicht. Entscheidend sind unabhängige Übertragungswege, ausreichende Ausweichkapazitäten und eine vorausschauende Resilienzplanung.
Am 16. Oktober 2026 geriet laut Medienberichten der Flugverkehr in Italien erheblich ins Stocken: Auslöser der Beeinträchtigungen war demnach eine Störung in der Datenübertragungsinfrastruktur des Telekommunikationskonzerns TIM, auf welche die Flugsicherung ENAV angewiesen sei.
Trotz Umschaltung auf ein Satelliten-Backup habe die Kapazität zeitweise halbiert werden müssen. Solche Ereignisse könnten auch hierzulande Betreiber Kritischer Infrastrukturen (KRITIS) betreffen – von Flughäfen über die Bahn bis zu Energieversorgern. Jens Henschel, Business-Unit-Leiter „Sonderprojekte“ bei Axians Deutschland, geht in seiner aktuellen Stellungnahme auf diesen Vorfall ein. Er betont, dass sich Resilienz nicht im Nachgang generieren lässt – sondern systematische Risikoanalysen, klare Verfügbarkeitsanforderungen und praxistaugliche Notfallkonzepte von Anfang an mitgedacht werden müssen.
Regelbetrieb gestört: Ersatznetz kann allenfalls Notbetrieb ermöglichen
„Radar, Rechner und Software liefen einwandfrei, doch der Datenfluss stockte. Der Vorfall zeigt, eine Kommunikationsinfrastruktur, die nicht resilient ist, kann zur Schwachstelle und damit zur Quelle für gravierende Störungen werden“, so Henschel.
Dies gelte für die Flugsicherung ebenso wie für ein Stellwerk der Bahn oder eine Netzleitstelle eines Energieversorgers.
Mit dem Einsatz eines Satellitennetzes habe ENAV einen „Plan B“ gehabt – und dieser habe auch gegriffen. „Doch ein Ersatznetz, das nur einen Teil der Kapazität trägt, sichert in der Regel nur den Notbetrieb, nicht den Regelbetrieb.“
Echte Redundanz auf Basis voneinander unabhängiger Daten-Übertragungswege
Echte Redundanz benötige voneinander unabhängige Übertragungswege über Glasfaser, Richtfunk und Satellit, ohne gemeinsame Ausfallpunkte, ausgelegt auf den tatsächlichen Bedarf der kritischen Anwendungen und mit automatischer Umschaltung.
Ebenso wichtig sei die Frage, wo Abhängigkeiten liegen. „Private 5G-Campusnetze und verteilte Netzarchitekturen machen kritische Prozesse unabhängiger von externen Netzen. ,Mission Critical Services’ sichern die Kommunikation zwischen Leitstelle und Personal auch bei hoher Last, ersetzen aber keine unabhängigen Rückfallwege.“
Zusätzlich könne kontinuierliches Ende-zu-Ende-Monitoring schleichende Qualitätsverluste frühzeitig erkennen und unerwartete Störungen unmittelbar sichtbar machen.
Gewachsene Daten-Übertragungswege erschweren regulatorische Compliance
Viele Infrastrukturen in Deutschland seien über Jahrzehnte gewachsen, während Vernetzung und Verfügbarkeitsanforderungen stetig zugenommen hätte. Regulatorische Anforderungen rückten Risiken, Verfügbarkeit und Resilienz stärker in den Fokus.
Henschel rät: „Betreiber sollten ihre Kommunikationsnetze als das behandeln, was sie sind: Kritische Infrastruktur innerhalb der Kritischen Infrastruktur.“ Denn nicht das Vorhandensein eines Backups entscheide, sondern die Widerstandsfähigkeit der gesamten Kommunikationsarchitektur.
Abschließend gibt er zu bedenken: „Resilienz lässt sich nicht nachträglich anschrauben. Sie beginnt mit einer systematischen Risikoanalyse, klaren Verfügbarkeitsanforderungen und praxistauglichen Notfallkonzepten.“
Zentrale Erkenntnisse der DS-Redaktion
- Eine Rückfallebene – also ein „Fail operational“-Betrieb – geht oft mit Kapazitätseinbußen einher, was bei der Notfall- und Wiederanlaufplanung berücksichtigt werden sollte.
- Diversitäre Redundanz in Form verschiedener, voneinander unabhängiger Übertragungswege ist zu empfehlen.
- Was gerade eben in Italien eingetreten ist, könnte bald schon andere Länder, auch Deutschland, KRITIS betreffen – so etwa auch den Bahnverkehr oder die Energieversorgung.
- Die Früherkennung von Störungen ist entscheidend, um zeitnah auf eine Ausweichregelung umzuschalten zu können.
- Zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit der gesamten Daten- bzw. Kommunikationsarchitektur bedarf es umfassender Sicherheitskonzepte – und auch deren regelmäßiger Überprüfung.
Fazit der DS-Redaktion
Die Anfälligkeit über Jahrzehnte – oft chaotisch – „gewachsener“ IKT-Infrastrukturen mit ihren Datennetzen erzeugt einen gewaltigen Aufwand hinsichtlich des alltäglichen Ankämpfens gegen Ausfälle. Zumal für KRITIS-Anwendungen stellt sich die Frage, wie überhaupt noch Resilienz gewährleistet werden kann. Die unter Umständen wiederkehrende Einbuße an Kapazitäten muss zwar nicht sofort gefährlich sein, generiert aber zumindest betriebswirtschaftliche Schäden. Dennoch mahnt z.B. die fatale Flugzeugkollision von Überlingen vom 1. Juli 2002, dass gerade die Luftraumüberwachung ein sehr sensibles Thema ist, denn im Versagensfall im Mensch-Management-Maschine-Umfeld kann eine Katastrophe drohen.
Weitere Informationen
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