ERP-Incident-Response-Strategie als Kernstück der Cyber- und Datensicherheit

Nadine Rahman, Head of Go To Market Global bei Onapsis
Nadine Rahman, Head of Go To Market Global bei Onapsis, Bild: Onapsis

ERP-Systeme sind das Rückgrat kritischer Geschäftsprozesse und zudem ein attraktives Ziel für Cyberangriffe. Sie werden jedoch häufig weniger umfassend geschützt als Cloud-Systeme, Netzwerke oder Endpoints. Eine gezielte ERP-Incident-Response-Strategie ist daher entscheidend, um sensible Daten zu schützen, Betriebsunterbrechungen zu vermeiden und im Ernstfall schnell handlungsfähig zu bleiben.

Ein Gastbeitrag von unserer Gastautorin Nadine Rahman, Head of Go To Market Global bei Onapsis

ERP-Systeme bilden das Rückgrat zentraler Geschäftsprozesse und verarbeiten zugleich besonders sensible Daten. Dennoch stehen sie in vielen Unternehmen im Schatten von Cloud-, Netzwerk- und Endpoint-Security. Standardtools und integrierte Schutzfunktionen greifen dabei nicht selten zu kurz und lassen kritische Angriffsflächen offen. Ein ERP-Sicherheitsvorfall ist deshalb weit mehr als ein IT-Problem: Er kann Finanzprozesse, Lieferketten und den gesamten Geschäftsbetrieb unmittelbar beeinträchtigen. Umso wichtiger ist eine ganzheitliche ERP-Incident-Response-Strategie, die Schutz, Erkennung und Reaktionsfähigkeit verbindet und Unternehmen auf den Ernstfall vorbereitet.

ERP-Sicherheit als unterschätzter Aspekt

Wenn es um ERP Security geht, zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Sicherheitsmaßnahmen sind stark auf klassische IT-Infrastruktur ausgerichtet, während ERP-Systeme als geschäftskritische Anwendungsebene oft nicht mit derselben Tiefe berücksichtigt werden. Endgeräte lassen sich isolieren, Netzwerkzugriffe blockieren, Systeme neu starten. Für ERP-Systeme funktionieren diese Mechanismen jedoch oftmals nur eingeschränkt. Der Grund liegt in der engen Verzahnung von ERP-Systemen mit Geschäftsprozessen: Transaktionen, Benutzeraktivitäten und Systemlogik sind unmittelbar miteinander verbunden.

Ein produktives ERP-System lässt sich nicht ohne Weiteres abschalten, ohne zentrale Geschäftsprozesse zu unterbrechen, was erhebliche finanzielle und reputative Auswirkungen haben kann. Beschaffung, Produktion und Finanzprozesse hängen direkt daran. Gleichzeitig bleiben genau diese Systeme oft hinter dem Sicherheitsniveau anderer Bereiche zurück, sei es durch komplexe Patch-Zyklen, eingeschränkte Transparenz oder fehlende Spezialisierung in der Incident Response, also der strukturierten Reaktion auf Sicherheitsvorfälle.

Für die Führungsebene bedeutet das: Es entsteht ein blinder Fleck genau dort, wo besonders geschäftskritische Prozesse und sensible Daten zusammenlaufen.

Entscheidender Unterschied: Reaktion ohne Betriebsunterbrechung

Der Umgang mit Sicherheitsvorfällen in ERP-Systemen folgt anderen Regeln als in der klassischen IT. Insbesondere, weil Angriffe nicht auf Infrastruktur-, sondern auf Anwendungsebene stattfinden und direkt in Geschäftsprozesse eingreifen. Statt Systeme schnellstmöglich stillzulegen, geht es darum, Angreifer gezielt innerhalb der Anwendung oder einzelner Berechtigungskontexte zu isolieren, ohne den Geschäftsbetrieb zu gefährden. Genau hier zeigt sich in vielen Organisationen ein Defizit. Es fehlen spezifische Pläne, klare Verantwortlichkeiten und vorab definierte Zugänge für den Ernstfall. Wenn erst während eines Vorfalls administrative Berechtigungen geklärt oder Log-Daten aktiviert werden müssen, verliert das Unternehmen wertvolle Zeit. Eine belastbare ERP-Incident-Response-Strategie setzt deshalb früher an. Sie legt fest, dass Notfallzugänge verfügbar sind, sicherheitsrelevante Aktivitäten detailliert protokolliert werden und Incident-Response-Teams jederzeit handlungsfähig sind.

Ein häufig unterschätzter Aspekt ist zudem die organisatorische Komponente von Incident Response in ERP-Umgebungen. In vielen Unternehmen arbeiten Security Operations, SAP-Basis-Teams und Fachbereiche weitgehend getrennt voneinander – mit unterschiedlichen Sichtweisen auf denselben Vorfall. Während das Security Operations Center (SOC) verdächtige Aktivitäten auf Netzwerk- oder Log-Ebene bewertet, betrachtet das SAP-Team dieselben Vorgänge im Kontext von Geschäftsprozessen und Systemlogik. Ohne die Zusammenarbeit dieser Teams entstehen Verzögerungen, Missverständnisse und im schlimmsten Fall Fehlentscheidungen. Eine effektive ERP-Incident-Response-Strategie muss daher nicht nur technische Maßnahmen definieren, sondern auch klare Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen sowie Kooperationsmöglichkeiten schaffen, die im Ernstfall sofort greifen. Gerade in ERP-Systemen ist dieser Kontext entscheidend, da technische Aktivitäten häufig unmittelbare Auswirkungen auf geschäftskritische Prozesse haben.

(Reaktions-)Geschwindigkeit wird zum entscheidenden Faktor

Eines ist mittlerweile offensichtlich: die Bedrohungslage spitzt sich weiter zu. Angreifer sind heute in der Lage, bekannte Schwachstellen innerhalb kürzester Zeit auszunutzen – häufig bereits kurz nach deren Bekanntwerdung – oder gar neue zu finden, nicht zuletzt aufgrund des Einsatzes innovativer Technologien und Ransomware-as-a-Service-Möglichkeiten. Gleichzeitig benötigen Änderungen in ERP-Systemen aufgrund ihrer engen Verzahnung mit Geschäftsprozessen und Transportabhängigkeiten oft längere Abstimmungszyklen, um Geschäftsprozesse nicht zu gefährden. Dies führt zu einem zunehmenden Ungleichgewicht: Während Angriffe schneller werden, bleiben Reaktionen zu langsam. Das gilt sowohl für notwendige Patches als auch für die Minimierung von Schwachstellen im System. Gerade in diesem Spannungsfeld zeigt sich, dass Incident Response allein nicht ausreicht, sondern eng mit Prävention und operativen Prozessen verzahnt sein muss – sonst werden das ERP-System und sensible Daten unnötig angreifbar.

Unterschätzte Angriffsfläche im System

Eine zusätzliche Herausforderung liegt in der unternehmenseigenen Systemlandschaft. Individuelle Anpassungen und kundenspezifischer Code innerhalb von ERP-Systemen, etwa in Form von Erweiterungen oder Eigenentwicklungen, vergrößern die Angriffsfläche kontinuierlich. Gleichzeitig fehlt häufig die durchgängige, automatisierte sicherheitstechnische Prüfung dieser Änderungen.

Hinzu kommt: Viele moderne Sicherheitsansätze aus dem Entwicklerumfeld enden an der ERP-Grenze. Während andere Anwendungen automatisiert geprüft werden, bleiben ERP-Änderungen oft in traditionellen Prozessen verankert. Dadurch entstehen Inkonsistenzen in der Sicherheitsarchitektur – und potenzielle Einfallstore für Angreifer. Für Unternehmen wird es damit entscheidend, Transparenz über ihre ERP-spezifischen Sicherheits- und Compliance-Anforderungen zu gewinnen und die Übersicht darüber sowie Maßnahmen dagegen systematisch in ihre Sicherheitsstrategie zu integrieren.

Merkmale einer wirksamen ERP-Incident-Response-Strategie

Eine effektive Strategie basiert nicht auf Einzelmaßnahmen, sondern auf einem abgestimmten Gesamtansatz. Dazu gehören:

  • Klar definierte Notfallzugänge für ERP-Systeme, belastbare Protokollierung und eine enge Verzahnung von Security Operations, ERP-Teams und Fachbereichen.
  • Die Fähigkeit zur schnellen Einordnung von Vorfällen. Nur wer zwischen legitimen Systemaktivitäten und tatsächlichen Angriffen unterscheiden kann, vermeidet Fehlreaktionen und gewinnt Zeit.
  • Ein kontrolliertes Vorgehen zur Eindämmung. Statt Systeme stillzulegen, werden kompromittierte Zugänge, Sitzungen oder Schnittstellen gezielt isoliert.
  • Die konsequente Nachbereitung. Angreifer hinterlassen häufig zusätzliche Zugänge oder Manipulationen im System. Diese zu identifizieren und zu beseitigen ist entscheidend, um einen Vorfall wirklich abzuschließen.

Erst das Zusammenspiel dieser Elemente ermöglicht es Unternehmen, Sicherheitsvorfälle im ERP nicht nur technisch zu beherrschen, sondern sie kontrolliert, nachvollziehbar und ohne unnötige Beeinträchtigung des Geschäftsbetriebs zu bewältigen.

Umfassende ERP Security entscheidend für die Zukunftsfähigkeit von Organisationen

ERP-Systeme stehen im Zentrum der digitalen Wertschöpfung. Gerade weil ERP-Systeme Finanz-, Logistik- und Produktionsprozesse bündeln, kommt ihnen eine zentrale Rolle für Stabilität und Sicherheit in Unternehmen zu. Entsprechend rücken sie zunehmend auch in den Fokus von Cyberbedrohungen. Gleichzeitig sind sie in vielen Sicherheitsstrategien noch immer unterrepräsentiert. Geschäftskritische Daten und Prozesse sind damit zunehmend stärker exponiert.

Eine spezialisierte ERP-Incident-Response-Strategie schließt diese Lücke. Sie ermöglicht es Unternehmen, Sicherheitsvorfälle gezielt zu erkennen und ihre Auswirkungen zu minimieren sowie sensible Daten zu schützen – ohne Kontinuität der Geschäftsprozesse zu beeinträchtigen.

Für die Führungsebene ist ERP-Sicherheit damit keine rein technische Fragestellung. Es ist eine Frage der unternehmerischen Resilienz und somit ein entscheidender Faktor für die langfristige Stabilität und Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens.

Weitere Informationen

DATENSICHERHEIT.DE, 08.04.2021
Kritische SAP-Anwendungen im Fokus Cyber-Krimineller

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