Aktuelles, Experten, Studien - geschrieben von am Dienstag, Juli 21, 2026 0:37 - noch keine Kommentare

Altersverifikation im Internet: CISPA-Forscher warnt vor pauschalen Lösungen

Das CISPA Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit hat durch Dr. Wouter Lueks Position zu Technologien zur Altersfeststellung („Age Assurance Technologies) bezogen

[datensicherheit.de, 21.07.2026] Das CISPA Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit hat am 20. Juli 2026 Position zu Technologien zur Altersfeststellung („Age Assurance Technologies“ / AATs) bezogen – in der aktuellen Debatte um den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet haben diese zuletzt große öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. „In der Gesellschaft besteht die Überzeugung, dass wir Kinder vor Gefahren im Internet schützen müssen“, so CISPA-Faculty Dr. Wouter Lueks in seinem Kommentar und gibt zu bedenken: „Während sich diese Diskussion früher vor allem auf altersbeschränkte Inhalte wie Glücksspiel und Pornographie konzentrierte, umfasst sie inzwischen ein deutlich breiteres Spektrum von Diensten, darunter Soziale Netzwerke und andere potenziell schädliche Inhalte.“ Vor diesem Hintergrund haben Lueks und seine Kollegen verschiedene technologische Architekturen und regulatorische Ansätze analysiert, „die sich in Europa, dem Vereinigten Königreich und weiteren Rechtsräumen herausbilden“. Ihre Studie zeige nun: Zwar könnten einige der untersuchten Verfahren ein hohes Maß an Sicherheit bei der Altersfeststellung bieten, doch gingen strengere Formen der Verifikation häufig mit größeren gesellschaftlichen Belastungen einher.

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Foto: CISPA / David Rohner

Dr. Wouter Lueks stellte in einem Interview klar: Da diese Systeme alle Menschen betreffen und sich vergleichsweise leicht umgehen lassen, sprechen wir uns für weniger eingriffsintensive Lösungen aus

4 unterschiedliche Ansätze zur Altersfeststellung in der Erörterung

In ihrem Paper unterscheiden die Autoren vier grundlegende Ansätze zur Altersfeststellung – elterliche Kontrolle und Zustimmung auf dem Endgerät, Altersschätzung, Altersableitung und Altersverifikation.

  • Beim ersten Ansatz konfigurierten Eltern die Geräte ihrer Kinder so, dass der Zugriff auf bestimmte Apps oder Websites erlaubt oder blockiert wird. „Bei der Altersableitung werden Systeme eingesetzt, die Verhaltensmuster, gegebenenfalls über einen längeren Zeitraum hinweg, analysieren, um Rückschlüsse auf das Alter einer Person zu ziehen“, erklärt Lueks. Die Altersschätzung hingegen nutze beispielsweise „Selfies“ oder andere Informationen, um das Alter einer Person zu schätzen. Die Altersverifikation wiederum stütze sich schließlich auf amtliche Dokumente oder vertrauenswürdige Quellen, um das Alter eines Nutzers festzustellen.

Die CISPA-Forscher kommen nach eigenen Angaben zu dem Ergebnis, dass sich diese Ansätze nicht nur hinsichtlich ihrer Zuverlässigkeit bei der Altersbestimmung deutlich unterscheiden, sondern auch in ihren Auswirkungen auf Datenschutz, Sicherheit, Barrierefreiheit und Grundrechte.

Warnung vor unbeabsichtigten Folgen und schädlichen Nebenwirkungen

Die Ergebnisse von Lueks und seinen CISPA-Kollegen legen demnach nahe, dass strengere Maßnahmen zur Altersfeststellung häufig mit umfassenderen gesellschaftlichen Belastungen verbunden sind. Je nach Ansatz könnten dazu die Erhebung und Speicherung sensibler persönlicher oder biometrischer Daten, eine verstärkte Nachverfolgung und Profilbildung von Nutzern, die Ausgrenzung von Personen ohne geeignete Ausweisdokumente sowie verzerrte oder fehlerhafte Bewertungen gehören.

  • Insbesondere solche Systeme zur Altersableitung, welche Online-Verhalten analysieren, um das Alter von Personen zu bestimmen, könnten großflächige Überwachung normalisieren, obwohl sie nur begrenzte Sicherheit böten. Mit Ausnahme der elterlichen Kontrolle und Zustimmung auf dem Endgerät verhindere zudem keines der untersuchten Verfahren wirksam eine Umgehung durch den Einsatz von VPN-Diensten. Daher erweise sich keine einzelne Lösung als für alle Anwendungsfälle gleichermaßen geeignet.

Eine weitergehende Sorge betreffe die Möglichkeit von Zensur: „Derzeit besteht das erklärte Ziel darin, Kinder vor schädlichen Inhalten wie Sozialen Medien zu schützen“, sagt Lueks und warnt: „Morgen könnten dieselben Systeme genutzt werden, um den Zugang zu Online-Spielen, ,LGBT+‘-Inhalten, politischen Informationen oder bestimmten Büchern einzuschränken.“

Empfehlung weniger invasiver Lösungen

Auf Grundlage ihrer Analyse fordern Lueks und seine Kollegen politische Entscheidungsträger nun dazu auf, die verschiedenen Systeme zur Altersfeststellung differenziert zu betrachten, anstatt sie als gleichermaßen akzeptabel oder wirksam einzustufen.

  • Stattdessen schlagen sie einen abgestuften Bewertungsrahmen vor, welcher die Wirksamkeit eines Systems gegen seine gesellschaftlichen Nebenwirkungen und seine Auswirkungen auf Grundrechte abwägt. „Da diese Systeme alle Menschen betreffen und sich vergleichsweise leicht umgehen lassen, sprechen wir uns für weniger eingriffsintensive Lösungen aus“, unterstreicht Lueks und führt aus: „Unsere bevorzugte Lösung ist die elterliche Kontrolle und Zustimmung auf dem Endgerät.“ Dieser Ansatz sei zwar nicht perfekt, verursache jedoch weniger negative externe Effekte, da er nicht die gesamte Bevölkerung gleichermaßen betreffe.

„Eine zweite Möglichkeit ist eine datenschutzfreundliche Altersverifikation direkt auf dem Endgerät als zusätzliche Schutzebene“, so Lueks weiter. Ihre „dritte Präferenz“ seien ausweisbasierte „Wallet“-Lösungen mit starken Datenschutzgarantien.

Kinder- und Jugendschutz muss Privatsphäre wahren und realistisch in großem Maßstab umsetzbar sein

Lueks betont, dass es ihm nicht darum gehe, Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen grundsätzlich abzulehnen: „Der Schutz von Minderjährigen im Internet ist essenziell. Maßnahmen müssen jedoch verhältnismäßig sein, die Privatsphäre wahren und sich realistisch in großem Maßstab umsetzen lassen, ohne neue Risiken für die gesamte Bevölkerung zu schaffen!“

  • Die Autoren unterstreichen zudem, dass technische Maßnahmen allein die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Herausforderungen im Zusammenhang mit der Online-Nutzung durch Minderjährige kaum vollständig lösen könnten.

Wirksamer Kinder- und Jugendschutz erfordere vielmehr eine Kombination aus technischen Schutzmechanismen, Verantwortung der Web-Plattformen, Unterstützung durch Eltern, Bildung und geeigneten politischen Rahmenbedingungen. Mit ihrem Papier möchten die CISPA-Forscher einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Debatte leisten, indem sie die Vor- und Nachteile bestehender technologischer Lösungen systematisch analysieren.

Weitere Informationen zum Thema:

CISPA
ÜBER CISPA

CISPA, Felix Koltermann, 20.07.2026
„Sobald wir Online-Altersverifikation einführen, betrifft das alle“: ein Gespräch mit Dr. Wouter Lueks

CISPA
Faculty / Wouter Lueks

arxiv.org, Wouter Lueks & Stephan Dreyer & Hannes Federrath & Judith Simon, 26.03.2026
Assessing Age Assurance Technologies: Effectiveness, Side-Effects, and Acceptance

datensicherheit.de, 14.07.2026
EU-Bericht zum Kinderschutz im Internet: Bitkom fordert risikobasierten Ansatz als Leitprinzip zu erhalten / Am 13. Juli 2026 hat ein Expertengremium der EU-Kommissionspräsidentin einen Bericht mit Empfehlungen zum Kinderschutz in der Digitalen Welt und der möglichen Einführung eines Mindestalters für Soziale Netzwerke vorgelegt

datensicherheit.de, 27.04.2026
Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt: Bitkom-Kommentar zur Bestandsaufnahme der Expertenkommission / Der Bitkom plädiert für eine verbindliche Verankerung von Medienkompetenz in Lehrplänen, entsprechende Fortbildungen sowie eine Bundeszentrale für digitale Bildung zur Unterstützung von Eltern

datensicherheit.de, 19.02.2026
eco: Digitalen Kinder- und Jugendschutz weiterentwickeln und digitale Teilhabe erhalten / eco-Verband fordert EU-weit einheitliche Lösungsansätze statt nationaler Insellösungen – Vielschichtigkeit der Web-Dienste bei der Weiterentwicklung der Schutzmechanismen sollte konsequent berücksichtigt und technologieoffen gedacht werden

datensicherheit.de, 27.05.2025
Medienkompetenz und digitales Know-how für Kinder werden immer wichtiger / 2024 nutzten bereits über 50 Prozent der sechs- bis siebenjährigen Kinder ein Smartphone – bei den zehn- bis elfjährigen sogar 90 Prozent



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