Aktuelles, Experten - geschrieben von dp am Donnerstag, Januar 15, 2026 0:56 - noch keine Kommentare
Geister-Fabriken: Dark Factories zur Erhaltung industrieller Wertschöpfung in Deutschland
Ein zunehmender Teil der Produktion wird künftig in menschenleeren Fabriken allein mit Robotern stattfinden – diese „Dunklen Fabriken“ könnten helfen, die Deindustrialisierung Deutschlands aufzuhalten und den Arbeitskräftemangel zu kompensieren
[datensicherheit.de, 15.01.2026] Jane Enny van Lambalgen, CEO von Planet Industrial Excellence, geht in ihrer aktuellen Stellungnahme auf sogenannte Geister-Fabriken („Dark Factories“) ein, welche demnach eine Chance für den Fortbestand der industriellen Wertschöpfung in Deutschland darstellen: „Ein zunehmender Teil der Produktion wird künftig in menschenleeren Fabriken allein mit Robotern stattfinden. Diese ,Dark Factories’ können die Deindustrialisierung Deutschlands aufhalten und den Arbeitskräftemangel längerfristig kompensieren.“ Van Lambalgen ist Mitglied bei „United Interim“, einer „Community für Interim Manager“ im deutschsprachigen Raum, sowie im „Diplomatic Council“, einer globalen Denkfabrik mit Beraterstatus bei den Vereinten Nationen (UNO).

Foto: privat
Jane Enny van Lambalgen prognostiziert: Es entstehen weniger, aber dafür höher qualifizierte Arbeitsplätze!
Menschenleeren Fabriken könnten Betriebskosten senken und Produktivität steigern
„Menschenleere Fabrikhallen, in denen die Produktion allein durch Roboter auf Hochtouren läuft, werden in den nächsten 15 Jahren zur Normalität werden“, so van Lambalgens Einschätzung. Diese „Geister-Fabriken“ der Zukunft würden mit den heutigen Produktionsanlagen soviel gemeinsam haben wie ein modernes Automobil mit einer Pferdekutsche.
- Diese menschenleeren Fabriken könnten die Betriebskosten um bis zu 25 Prozent senken, die Produktivität um bis zu 30 Prozent steigern und die Fehlerquoten um bis zu 40 Prozent reduzieren. Wenn in einer Fertigungshalle ausschließlich Roboter am Werk sind, könnten diese zwei- bis fünfmal schneller arbeiten als es aus Sicherheitsgründen bei Menschen im Raum geboten und erlaubt sei.
Man nennt solche vollautomatisierten Produktionsstätten „Smart Factories“ oder auch „Dark Factories“, weil die Roboter im Unterschied zu Menschen beim Arbeiten kein Licht benötigen. Diese „Dark Factories“ werden laut van Lambalgen zunächst vor allem in der Massenfertigung zum Einsatz kommen, also nicht bei der Einzelfertigung oder im Sondermaschinenbau.
„Autonomous Production Twins“ als technologische Grundlage für „Geister-Fabriken“
Als eine wesentliche technologische Grundlage für diese Entwicklung nennt sie „Autonomous Production Twins“ (APT) oder Digitale Zwillinge in der Fertigungsindustrie, um Produktionsprozesse autonom zu überwachen, zu steuern und zu optimieren.
- Ein APT verknüpfe Echtzeitinformationen, welche über fortschrittliche Sensorik und digitale Zuliefersysteme erfasst würden, mit Künstlicher Intelligenz (KI), um eine virtuelle Repräsentation des Produktionssystems zu schaffen, welche selbstständig Entscheidungen treffen und Prozesse anpassen könne.
„Ein Autonomer Produktionszwilling ist in der Lage, Produktionsprozesse aktiv zu steuern und auf unvorhergesehene Ereignisse wie beispielsweise Engpässe in der Lieferkette durch automatische Umplanungen zu reagieren.“
„Geister-Fabriken“ als betriebs- und volkswirtschaftlich sinnvolle Alternative zur Produktionsverlagerung
Nach ihrer Einschätzung hat diese Entwicklung das Potenzial, die Deindustrialisierung Deutschlands zu verlangsamen und möglicherweise sogar aufzuhalten: „Der Aufwand zur Verlagerung von Fertigungskapazitäten ins Ausland ist hoch. Die schrittweise Automatisierung der Produktion im Inland mit der Langfristperspektive ,Dark Factory’ stellt in vielen Fällen eine betriebs- und volkswirtschaftlich sinnvolle Alternative dar.“
- Die Tatsache, dass in vollautomatisierten Fertigungsstätten mit viel weniger Personal gearbeitet werde, dürfe nicht zum „Totschlagargument“ werden, warnt van Lambalgen vor einer politisch-gesellschaftlichen Diskussion „Arbeiter gegen Roboter“.
In einer „Dark Factory“ würden zwar nur etwa zehn Prozent des Personalstammes benötigt werden, im Vergleich zu herkömmlichen Produktionsverfahren. Aufgaben wie Planung, Implementierung, Überwachung und Wartung müssten weiterhin zumindest teilweise von Menschen übernommen werden.
In einigen Fabriken führte Personalknappheit bereits zu personalfreien Nachtschichten
„Es entstehen weniger, aber dafür höher qualifizierte Arbeitsplätze!“, betont van Lambalgen, „was angesichts des demographischen Faktors mit einem zunehmenden Mangel an Arbeitskräften volkswirtschaftlich eine gute Nachricht ist.“ Sie verweist darauf, dass eine ganze Reihe von Unternehmen angesichts der Personalknappheit bereits eine personalfreie Nachtschicht in der Fertigung eingeführt habe.
- Deutschland sollte diese Entwicklung daher in erster Linie als Chance ergreifen, um weiterhin als international wettbewerbsfähiger Produktionsstandort zu gelten – genug Zeit zur Anpassung sei vorhanden, meint sie. „,Dark Factories’ stellen eine technologische Herausforderung dar und werden sich daher in den nächsten Jahren erst allmählich durchsetzen. „Diese Zeitspanne kann Deutschland nutzen, um das Land in einer gemeinsamen Anstrengung von Politik, Wirtschaft und sicherlich auch Gewerkschaften auf diese nächste Fertigungsgeneration vorzubereiten“, lautet ihre Empfehlung.
Angesichts des demographischen Faktors sollte dabei nicht der Erhalt von Arbeitsplätzen um jeden Preis im Vordergrund stehen, sondern die Qualifizierung der heranwachsenden Generation für die neuen Arbeitsplätze: „Der Umgang mit KI-Systemen, die letztlich die Grundlage für ,Smart Factories’ bilden, muss für Beschäftigte künftig so selbstverständlich sein wie die Nutzung eines Smartphones!“
Bau Autonomer Fabriken indes durch EU-Regeln und Robotersteuer gefährdet
„Die politischen Diskussionen über neue EU-Regeln für menschenleere Fabriken bis hin zu einer eventuellen Robotersteuer können den Bau Autonomer Fabriken hierzulande möglicherweise verhindern“, warnt van Lambalgen, zudem würde dies die internationale Wettbewerbsfähigkeit weiter schwächen. Selbst wenn in Deutschland auf absehbare Zeit keine „Geister-Fabriken“ entstünden, würde deren Inbetriebnahme in Ländern außerhalb der EU einen enormen Kostendruck auf die Produktion „made in Germany“ ausüben.
- Sie verweist beispielhaft auf die „Dark Factory“ des chinesischen Technologieherstellers Xiaomi nördlich von Peking, welche im Dauerbetrieb ohne Fertigungsmitarbeiter (aber mit Wartungspersonal) pro Sekunde ein Smartphone produzieren könne. Die Fertigungskapazität liege derzeit bei bis zu zehn Millionen Smartphones pro Jahr und könne auf das Dreifache erweitert werden.
„Für rund 330 Millionen Dollar Entwicklungskosten hat Xiaomi einen Blick in die Zukunft der industriellen Fertigung geschaffen“, so van Lambalgen aus. Sie erläutert hierzu: „Bei der Errichtung einer ,Smart Factory’ entfallen etwa ein Drittel der Gesamtkosten auf Sensorik, Software und Infrastruktur, aber die höheren Investitionen zahlen sich bereits nach einem Betriebsjahr durch die deutlich niedrigere Lohnsumme aus.“ Hinzu käme die höhere Flexibilität, um auf Marktveränderungen zu reagieren, und das höhere Qualitätsniveau, was die Nachbesserungskosten senke und die Kundenzufriedenheit steigere.
Mut und Vision der Führungskräfte in der Industrie sowie politische Initiative gefordert
Eine derartige Vollautomatisierung werde in Deutschland auf Jahre hinweg noch die Ausnahme bleiben, vor allem bei der Einzelfertigung und im Sondermaschinenbau. Aber die schrittweise Einführung „menschenfreier Zonen“ für Teilbereiche der Produktion erwartet van Lambalgen auch hierzulande zusehends: Bereits in fünf Jahren könnte bis zur Hälfte der Fertigungsfläche „dunkel“ sein, schätzt sie.
- Abschließend gibt sie zu bedenken: „Deutschland wird sich auf Dauer als international wettbewerbsfähiger Produktionsstandort nur halten können, wenn es in den nächsten fünf bis zehn Jahren gelingt, ,Smart Factories’ hierzulande im großen Stil zu errichten und das Arbeitsrecht entsprechend angepasst wird!“ Hierzu bedürfe es „Mut und Vision der Führungskräfte“ in der Industrie, aber auch einer entsprechenden politischen Initiative.
„Denn natürlich hat die Minderbeschäftigung durch ,Smart Factories’ erheblichen Einfluss auf die Renten- und Sozialsysteme, die alle auf der Besteuerung von menschlicher Arbeitskraft aufgebaut sind.“ Sie stellt klar: „Aufgrund des demographischen Faktors stoßen diese Systeme allerdings ohnehin an ihre Grenzen und müssen dringend reformiert werden. In der Sicherung des Produktionsstandorts Deutschland durch die Förderung vollautomatisierter Fertigung hierzulande steckt daher auch ein wichtiger Baustein für den Umbau der Renten- und Sozialsysteme mit einem enormen Wertschöpfungspotenzial. Das wird allerdings nur gelingen, wenn die Politik den Mut zu Konzepten findet, die über den bloßen Ruf nach mehr Regulatorik oder einer Robotersteuer hinausgehen!“
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Jane Enny van Lambalgen ist seit 2020 CEO von Planet Industrial Excellence | Interim Management & Consulting
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