Aktuelles, Experten, Gastbeiträge - geschrieben von am Montag, Januar 28, 2013 18:46 - noch keine Kommentare

Berühmte Enigma-Nachricht geknackt!

Berufsschullehrer aus Singen löst das bekannteste Krypto-Rätsel des Zweiten Weltkriegs – 17 Jahre nach dessen Veröffentlichung

Von unserem Gastautor Klaus Schmeh

[datensicherheit.de, 28.01.2013] Das Dechiffrieren von Enigma-Funksprüchen hatte im Zweiten Weltkrieg für die Briten eine enorme Bedeutung. In Bletchley Park vor den Toren Londons ließ die Regierung damals eine ganze Dechiffrier-Fabrik aus dem Boden stampfen, um mit neuester Technik die abgefangenen Nachrichten der Deutschen knacken zu können. Der Erfolg war beachtlich: Die britischen Codeknacker lösten Funksprüche quasi am Fließband, ohne dass die Deutschen Wind davon bekamen – ein unschätzbarer Vorteil im Krieg gegen Hitler.
Zum Ärger heutiger Historiker ließ der britische Premier Winston Churchill nach Kriegsende sämtliche Unterlagen vernichten, die sich in Bletchley Park angesammelt hatten. Dadurch gingen nicht zuletzt die zahlreichen Funksprüche verloren, die die Briten abgefangen und gelöst hatten. Da auch die Deutschen ihre Funksprüche nur selten archivierten, sind heute nur noch einige Tausend verschlüsselte Enigma-Originalnachrichten bekannt – ursprünglich waren es wohl über eine Million.
Der erste, der aus historischem Interesse einige originale Enigma-Funksprüche ausfindig machte und der Fachwelt zur Verfügung stellte, war der Nordire Ralph Erskine. Er veröffentlichte 1996 drei Enigma-Nachrichten in der Fachzeitschrift „Cryptologia“. Es handelte sich dabei um Sprüche, die das britische Kriegsschiff „Hurricane“ im Jahr 1942 von einem deutschen U-Boot abgefangen hatte. U-Boote verwendeten damals die besonders sichere Vier-Rotor-Enigma (das Standardmodell hatte nur drei Rotoren), was das Dechiffrieren dieser drei Nachrichten deutlich erschwerte.
Im Jahr 2003 machten sich mit Frode Weierud und Geoff Sullivan erstmals Kryptologie-Historiker daran, Enigma-Originalfunksprüche zu dechiffrieren. Dank Computer-Unterstützung hatten sie es deutlich einfacher als einst die Codeknacker von Bletchley Park – trivial war die Aufgabe dennoch nicht. Weierud und Sullivan versuchten sich nicht an den schwierigen Vier-Rotor-Nachrichten, die die „Hurricane“ abgefangen hatte, sondern nahmen sich eine Sammlung von etwa 800 gewöhnlichen Enigma-Funksprüchen vor, die ein Weltkriegsveteran hinterlassen hatte. Bis heute konnten sie über 700 dieser Nachrichten lösen. Die Arbeit dauert noch an.

Quelle: Michael Hörenberg

Quelle: Michael Hörenberg

Die dechiffrierte Enigma-Nachricht deckt sich mit einem Eintrag im Logbuch des U-Boots; sie wurde am 19.11.1942 gesendet. Der britische Zerstörer „Hurricane“ hörte mit.

2006 startete der Musiker Stefan Krah ein Projekt namens „M4“, in dem er die drei noch immer ungelösten U-Boot-Nachrichten der „Hurricane“ knacken wollte („M4“ ist die Typen-Bezeichnung der Vier-Rotor-Enigma). Auch er hatte Erfolg: Mit Hilfe zahlreicher Gesinnungsgenossen, die Rechenzeit zur Verfügung stellte, konnte er mit einer Distributed-Computing-Software zwei der drei Funksprüche lösen. Am dritten scheiterte er jedoch. Diese dritte Nachricht des „M4“-Projekts entwickelte sich zur bekanntesten ungelösten verschlüsselten Nachricht des Zweiten Weltkriegs überhaupt. Sie liest sich wie folgt:

HCEYZTCSOPUPPZDICQRDLWXXFACTTJMBRDVCJJMMZRPYIKHZAWGLYXWTMJPQUEFSZBOTVRLALZXWVXTSLFFFAUDQFBWRRYAPSBOWJMKL
DUYUPFUQDOWVHAHCDWAUARSWTKOFVOYFPUFHVZFDGGPOOVGRMBPXXZCANKMONFHXPCKHJZBUMXJWXKAUODXZUCVCXPFT

2012 stieß mit dem Berufsschullehrer Michael Hörenberg aus Singen (Kreis Konstanz) ein neuer Name zur Szene der Enigma-Forscher. Mit einer selbstgeschriebenen Software gelang es ihm, zahlreiche Enigma-Originalfunksprüche zu knacken. Sein Meisterstück lieferte Hörenberg (unterstützt von seinem US-Kollegen Dan Girard) am 4. Januar 2013: Er dechiffrierte die berühmte dritte Enigma-Nachricht des „M4“-Projekts. „70 Jahre nach dem Versenden der Nachricht und 17 Jahre nach deren Veröffentlichung ist der Klartext wieder lesbar“, zeigte sich Hörenberg gegenüber datensicherheit.de begeistert. Der Klartext lautet:

BOOTKLARXBEIJSCHNOORBETWAZWOSIBENXNOVXSECHSNULCBMXPROVIANTBISZWONULXDEZXBENOETIGEGLMESERYNOCHVIEFKLHRX
STEHEMARQUBRUNOBRUNFZWOFUHFXLAGWWIEJKCHAEFERJXNNTWWWFUNFYEINSFUNFMBSTEIGENDYGUTESIWXDVVVJRASCH

In eine etwas besser lesbare Form gebracht heißt dies:
Boot klar. Bei „Schnoor“ etwa 27. Nov. 60 cbm. Proviant bis 20 Dez. Benötige Gläser, noch 4 klar. Stehe Marqu. BB 25. Lage wie „Schaefer“. NW 5, 15 mb steigend, gute Sicht. Von „Rasch“.

Der Inhalt ist keine große Überraschung, da er sich mit einem Eintrag im Logbuch des U-Boots deckt. Dies spielt jedoch keine große Rolle, denn für einen echten Codeknacker ist der Lösungsweg mindestens genauso interessant die Lösung selbst. „Wenn die ersten Fragmente des Klartexts einer verschlüsselten Nachricht zu sehen sind, ist das ein unbeschreibliches Gefühl“, berichtet Hörenberg. „Der Blutdruck steigt, das Herz beginnt zu rasen. Das treibt einen an.“ Auf seinen Lorbeeren ausruhen will sich der Berufsschullehrer nicht. Sein nächstes Projekt wird sich voraussichtlich mit der Entschlüsselung von Enigma-Nachrichten der Luftwaffe beschäftigen. Hörenberg ist optimistisch: „Erste Tests sehen vielversprechend aus.“

© Klaus Schmeh

© Klaus Schmeh

Klaus Schmeh ist Autor des Buchs „Nicht zu knacken“, in dem die zehn größten ungelösten Rätsel der Verschlüsselungstechnik beschrieben werden.

Weitere Informationen zum Thema:

Breaking German Navy Ciphers
The Enigma Message Breaking Project (Website von Michael Hörenberg zu seinen Enigma-Dechiffrier-Projekten)

Frode Weierud’s CryptoCellar
Cryptology and Its History (Website von Frode Weierud zu weiteren Enigma- Dechiffrier-Projekten)

datensicherheit.de, 30.03.2011
Mordfall Ricky McCormick: FBI bittet Codeknacker um Mithilfe / Mordopfer trug zwei verschlüsselte, in den letzten zehn Jahren nicht dechiffrierbare Botschaften in der Tasche

datensicherheit.de, 07.11.2011
Wie ein verschlüsselter Text aus dem 18. Jahrhundert für Schlagzeilen sorgte / Ein internationales Forscherteam dechiffrierte ein bisher unbekanntes verschlüsseltes Buch und will nun weitere ungelöste Verschlüsselungen in Angriff nehmen

Klausis Krypto Kolumne
Ein Blog über Verschlüsselungscodes und Geheimschriften von Klaus Schmeh



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