Aktuelles, Branche, Gastbeiträge - geschrieben von cp am Dienstag, Februar 17, 2026 17:47 - noch keine Kommentare
Cybersicherheit – Wenn eine verzerrte Selbstwahrnehmung zum Sicherheitsrisiko wird
Ergebnisse einer aktuellen Studie zur Cybersicherheit zeigen: Zwischen der wahrgenommenen und der tatsächlichen Sicherheitslage klafft eine gefährliche Lücke. Und diese lässt sich nur mithilfe von Sichtbarkeit schließen.
Von unserem Gastautor Tiho Saric, Senior Sales Director bei Gigamon
[datensicherheit.de, 17.02.2026] Sind wir gegen Cyberangriffen bestmöglich aufgestellt? Eine Frage, die sich viele deutsche Sicherheits- und IT-Experten heute stellen – und mit Überzeugung mit „Ja!“ beantworten würden. Doch die Ergebnisse einer aktuellen Studie zeigen: Zwischen der wahrgenommenen und der tatsächlichen Sicherheitslage klafft eine gefährliche Lücke. Und diese lässt sich nur mithilfe von Sichtbarkeit schließen.

Tiho Saric, Senior Sales Director bei Gigamon, Bild: Gigamon
Wie kommt es, dass sich die meisten Sicherheits- und IT-Teams sicher sind, vor sämtlichen Cybergefahren gewappnet zu sein, während gleichzeitig knapp zwei Drittel der Unternehmen (63 Prozent) mindestens einmal Opfer eines erfolgreichen Angriffs wurden? Und warum ließ sich in 31 Prozent der Angriffsfälle die jeweilige Ursache nicht eindeutig identifizieren? Das deuten die Ergebnisse einer aktuellen Hybrid-Cloud-Security-Studie von Gigamon an. Demnach liegt die Antwort auf diese Fragen vermutlich weniger in der bewussten Selbstüberschätzung, sondern vielmehr in einem Mangel an Sichtbarkeit – also an der Fähigkeit, die eigene IT-Landschaft vollständig zu überblicken und bis ins kleinste Detail nachzuvollziehen, was tatsächlich im eigenen Netzwerk vor sich geht.
Cybersicherheit – Die Illusion der Kontrolle
Das Selbstvertrauen deutscher IT-Abteilungen reicht tief. So sind 85 Prozent der Sicherheits- und IT-Experten überzeugt, Malware auch in verschlüsseltem Datenverkehr erkennen zu können. 79 Prozent glauben, dass sie Datendiebstahl bemerken würden, selbst wenn er hinter einer Verschlüsselung stattfindet. Die Mehrheit der Experten (83 Prozent) hält ihre Tools für leistungsfähig genug, um mit der wachsenden Datenmenge und der sich weiterentwickelnden Bedrohungslage Schritt zu halten.
Doch diese Zuversicht steht auf wackeligen Beinen. Auch wenn Sicherheits- und IT-Experten von ihrem Team und ihrer technischen Ausstattung überzeugt sind, geben 56 Prozent zu, dass ihre Tools unter besseren Sichtbarkeitsbedingungen deutlich effektiver arbeiten könnten. Einer der Gründe für diese Einsicht liegt unter anderem in der Kompromissbereitschaft der Verantwortlichen. 95 Prozent sagen, dass sie sicherheitstechnisch Abstriche machen müssen, damit ihr Team überhaupt auf Sicherheitsvorfälle reagieren kann. So verzichtet ein Teil zum Beispiel auf vollständige Einsicht in die Infrastruktur oder auf hohe Datenqualität. Pragmatische Entscheidungen wie diese mögen kurzfristig helfen, schwächen aber langfristig die Verteidigungsfähigkeit.
Großes Selbstvertrauen trotz Blind Spots
Die größte Diskrepanz zwischen Anspruch, Einschätzung und Status quo zeigt sich vor allem beim Thema verschlüsselter Datenverkehr. 84 Prozent der Befragten geben an, Transparenz innerhalb dieses Traffics habe für sie höchste Priorität. Allerdings verzichten 37 Prozent aus Kostengründen auf dessen Entschlüsselung. Weitere 51 Prozent halten den Prozess für unpraktikabel, weil das Datenvolumen zu hoch sei. 73 Prozent vertrauen der Verschlüsselung bedingungslos.
Ein gefährlicher Widerspruch, denn genau in diesem vermeintlich sicheren Traffic verstecken Cyberangreifer immer häufiger gefährliche Malware. Laut einer Untersuchung von WatchGuard wird 94 Prozent solcher Schadsoftware über verschlüsselte Verbindungen eingeschleust. Darüber hinaus verschärfen neue Technologien wie KI den Wettlauf zwischen Angreifern und Unternehmen – zum Beispiel durch automatisierte Phishing-Kampagnen, geschickt getarnte Ransomware oder immer überzeugendere Deepfakes.
Eine weitere Herausforderung stellt die wachsende Komplexität moderner IT-Umgebungen dar. Mit jeder neuen Anwendung, jeder Cloud-Integration und jedem neuen Anwender – vor allem außerhalb des eigentlichen Netzwerks – wachsen Datenmenge und Angriffsfläche. Rund 30 Prozent der deutschen Sicherheits- und IT-Experten berichten, dass sich das Netzwerkvolumen nahezu verdoppelt hat. Trotzdem setzen viele Unternehmen auf eine Vielzahl spezialisierter Sicherheitslösungen. Anstatt Bedrohungen effektiv zu bekämpfen, erschweren sie sich dadurch allerdings nur ungewollt die Arbeit. Je mehr Tools im Einsatz sind, desto größer ist das Risiko, dass sicherheitsrelevante Informationen verloren gehen oder übersehen werden.
Zudem führt dieses Overtooling-Problem zu einem massiven Datenrauschen, in dem es Teams schwerfällt, echte Bedrohungen von harmlosen Ereignissen zu unterscheiden. Kurzum: Bei so viel Tech-Wildwuchs verwundert es kaum, dass immer mehr Sicherheits- und IT-Teams den Überblick verlieren. Folglich halten Teams und deren Sicherheitsarchitekturen häufig an statischen, reaktiven Ansätzen fest, statt zu einer proaktiven Strategie aufzusteigen.
Sehen heißt verstehen
Vor diesem Hintergrund lässt sich ohne ausreichende Transparenz kaum nachvollziehen, wo sich Schwachstellen bilden, wie sich Angreifer lateral im Netzwerk bewegen oder welche Aktivitäten tatsächlich legitim sind. Vollständige Sichtbarkeit, Datentiefe, Integration und verwertbare Insights sind hier mehr wert als die regelmäßige Einführung neuester Innovationen.
Um bestehende Lücken zu schließen, müssen IT-Teams ihr Augenmerk somit verstärkt auf Sichtbarkeit bis hinunter auf Netzwerkebene (Deep Observability) richten. Denn dort spielt sich ein Großteil der unentdeckten Aktivitäten ab. Sie müssen sämtliche Datenströme in Echtzeit beobachten, analysieren und verstehen können. Diese Fähigkeit umfasst ebenfalls verschlüsselten und auch lateralen Datenverkehr. Dafür werden alle relevanten Daten – sowohl klassische MELT- (Metrics, Events, Logs, Traces) als auch Netzwerk-Telemetriedaten – zentral gebündelt, kombiniert und ausgewertet.
Das Ergebnis: IT-Teams erhalten einen vollständigen Überblick über ihr Systemverhalten – von Anwendungen über Identitäten bis hin zu verdächtigen Aktivitäten und Verhaltensweisen.
Anomalien lassen sich schneller erkennen, Ursachen von Sicherheitsvorfällen präziser bestimmen, Schwachstellen schließen und Angriffe rechtzeitig stoppen. Diese Form der Echtzeit-Transparenz sorgt für Klarheit inmitten der Komplexität, unabhängig davon, wie viele Datenquellen, Identitäten oder Anwendungen sich im Netzwerk befinden. So bleiben Übersicht und Kontrolle bei den verantwortlichen Sicherheits- und IT-Teams, und Ressourcen lassen sich effizienter nutzen.
Fazit: Realismus ist die beste Verteidigung
Die deutsche IT-Sicherheitslandschaft leidet weniger an Inkompetenz als an Blind Spots. Viele Entscheider glauben, die Lage im Griff zu haben. Allerdings fehlt ihnen oft schlicht der Einblick in das, was tatsächlich passiert. Echte Cyberresilienz beginnt deshalb nicht mit weiteren Tools oder noch mehr Sicherheitsrichtlinien, sondern mit ehrlicher Selbsteinschätzung und vollständiger Transparenz. Wer seine Umgebung lückenlos versteht, kann Risiken realistisch bewerten, Angriffe frühzeitig erkennen und fundierte Entscheidungen treffen.
Denn am Ende gilt: Nur wer wirklich sieht, kann auch sicher handeln.
Weitere Informationen zum Thema:
datensicherheit.de, 20.01.2026
Vertrauen, Ethik und Resilienz im Fokus: Der CISO der Zukunft übernimmt Führungsrolle
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