Aktuelles, Branche - geschrieben von am Montag, August 9, 2021 20:10 - noch keine Kommentare

Endgeräte-Überwachung: Apple überschreitet Rote Linie

Apple öffnet Büchse der Pandora, warnt Datenschutzexperte Detlef Schmuck

[datensicherheit.de, 09.08.2021] „Die Überwachung in der ,Cloud‘ durch US-Anbieter ist längst Normalität. Aber Apple überschreitet eine Rote Linie mit der Überwachung in den Endgeräten. Dadurch werden Hunderte von Millionen ,iPhone‘-Besitzer unter den Generalverdacht der Kinderpornographie gestellt“, sagt der Datenschutzexperte Detlef Schmuck in einer aktuellen Stellungnahme und warnt: „Eine Rasterfahndung durch Apple auf allen Endgeräten ist beinahe wie die Kombination eines mutmaßlichen Wunschtraums von Erich Mielke und eines Albtraums von Georg Orwell.“

Kinderpornographie ist zu ahnden – aber ein klares Nein gegenüber Apple zum Generalverdacht!

„Apple öffnet die Büchse der Pandora“, kritisiert Schmuck energisch die Ankündigung von Apple, künftig die Fotos auf ,iPhones‘ automatisch dahingehend zu untersuchen, ob sie mit dem Gesetz im Einklang stehen. Apple hatte demnach verlauten lassen, mit dem neuen Betriebssystem „iOS 15“ alle Fotos auf „iPhones“ einer Prüfung zu unterziehen, ob es sich um kinderpornographische Aufnahmen handeln könnte.
Schmuck betont indes ganz klar: „Kinderpornographie gehört zu den abscheulichsten Verbrechen überhaupt und es ist richtig und wichtig, dagegen vorzugehen!“ Aber, so Schmuck, sei es dennoch völlig unangebracht, Hunderte von Millionen „iPhone“-Besitzer unter Generalverdacht zu stellen und deshalb deren private Fotoalben zu durchsuchen.

Apple Vorhaben gleicht permanenter Hausdurchsuchung durch privatwirtschaftliche Firma

„Die Überwachung der Kundendaten in den ,Cloud‘-Services der US-Anbieter ist längst Normalität, sicherlich nicht nur bei Apple. Aber Apple geht einen Schritt zu weit, indem die Endgeräte der Kunden einer ständigen Kontrolle unterzogen werden“, erläutert Schmuck und moniert: „Das ist wie eine permanente Hausdurchsuchung durch eine privatwirtschaftliche Firma.“
Man möge bedenken: Die meisten Menschen hätten mehr oder minder ihr gesamtes Leben im Smartphone gespeichert. Es sei nun Aufgabe der Staatsanwaltschaften, der Polizei und der Gerichte, im Verdachtsfall – und nur dann – diese „digitalen Hausdurchsuchungen“ zu genehmigen, durchzuführen und nach dem geltenden Recht zu bewerten. Aber eine Rasterfahndung durch Apple auf allen Endgeräten sei beinahe wie die „Kombination eines mutmaßlichen Wunschtraums von Erich Mielke und eines Albtraums von Georg Orwell“.

Apple hat Algorithmus mutmaßlich auf Druck von US-Behörden entwickelt

Nach Einschätzung von Schmuck hat Apple den Algorithmus zum Auffinden von Kinderpornographie auf Druck von US-Behörden entwickelt. Daher wirft er die Frage auf: „Wer will Apple oder andere US-Konzerne daran hindern, künftig auf Drängen weiterer Staaten wie beispielsweise China mit anderen Suchmustern nach unerwünschten Inhalten zu fahnden? In den USA mag nach Kinderpornographie gesucht werden, in anderen Ländern möglicherweise nach regimekritischen Texten. Wenn es nicht gelingt, Apple zurückzupfeifen, können wir nie mehr sicher sein, welche Spionagesoftware auf unseren Smartphones heimlich läuft und wonach sie Ausschau hält.“
Die Daten der Kunden gehörten diesen selbst und sonst niemandem, stellt er klar. Als Gründer und Geschäftsführer des Hamburger Datendienstes TeamDrive, welcher nach eigenen Angaben eine sogenannte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bietet, versichert er: „Bei TeamDrive sind die Daten derart gut geschützt, dass niemand außer den Kunden selbst diese entschlüsseln können, weder wir als Betreiber des Dienstes noch irgendeine Behörde auf der Welt.“ Der TeamDrive-Chef befürchtet aber, „wie andere Datenschützer auch“, dass Apple diese Funktion zur Überprüfung der Korrektheit von Fotos künftig auf weitere Informationen, die im „iPhone“ oder in der „iCloud“ von Ende-zu-Ende verschlüsselt sein sollten, ausweiten werde.

Wer könnte Apple hindern, weitere moralische Kriterien an mit dem iPhone erstellte Fotos zu stellen?

Eine Technologie zur Rasterfahndung auf Endgeräten sei grundsätzlich abzulehnen, „weil sie Missbrauch und Überwachung geradezu sträflich Vorschub leistet“, so Schmuck. „Wer will Apple daran hindern, in Zukunft weitere moralische Kriterien an die mit dem ,iPhone‘ erstellten Fotos zu stellen?“ – er erläutert seine Befürchtung wie folgt:
„Heute ist es Kinderpornographie und wir alle stimmen der Bekämpfung zu. Morgen sind es möglicherweise Verstöße gegen ,Corona‘-Regeln oder Drogenmissbrauch und es stimmen noch einige zu. Übermorgen ist es Tierquälerei oder wer weiß schon was. Alle gesetzestreuen Bürger begrüßen es, wenn diese Verbrechen geahndet werden. Aber wir wollen dieses Mandat den Staatsanwaltschaften, der Polizei und den Gerichten in Deutschland übertragen, nicht der US-Firma Apple.“

Neben willkürlich erweiterbarer Zensur durch Apple könnte Kontrollprogramm von Hackern missbraucht werden

Zudem warnt der TeamDrive-Chef, dass neben der willkürlich erweiterbaren Zensur durch Apple ein solches Kontrollprogramm von Hackern geentert und dazu genutzt werden könnte, in die „iPhones“ von Hunderten Millionen Menschen einzudringen. „Die Möglichkeit, in die Endgeräte einzudringen, wird Hacker rund um den Globus wie ein Magnet anziehen“, gibt Schmuck zu bedenken.
Er erinnert an den geheimen Entwurf einer geplanten Deklaration des EU-Ministerrats vom Herbst 2020, nach der die Betreiber von Ende-zu-Ende-verschlüsselten Diensten gezwungen werden sollten, den Behörden Generalschlüssel zu allen Kundendaten zu übergeben. Den damaligen Titel des EU-Resolutionsentwurfs „Sicherheit durch Verschlüsselung und Sicherheit trotz Verschlüsselung“ bezeichnet Schmuck als „völlig irreführend“.

Egal ob EU oder Apple – düstere Datenschutz-Prognose

Faktisch hätte eine solche Resolution das Sicherheitsniveau in der EU dramatisch verschlechtert – er appelliert an die Öffentlichkeit: „Wenn wir die Zustimmung zur Aufweichung der Ende-zu-Ende-Kommunikation dem EU-Ministerrat verweigern, sollten wie genau dies Apple erst recht nicht erlauben. Nur durch eine lückenlose Verschlüsselung ohne Ausnahmen ist die Privatsphäre bei der digitalen Kommunikation gewährleistet.“ Die EU-Mitgliedsstaaten wären nach der Resolution in der Lage gewesen, sich mit ihren Schlüsseln jederzeit und unerkannt in private Unterhaltungen und andere verschlüsselte Übertragungen einzuklinken. „Genau dieses Privileg scheint sich jetzt Apple selbst einräumen zu wollen“, so Schmucks Befürchtungen.
Für die Zukunft gibt Schmuck einen eher düsteren Ausblick: „Egal ob EU oder Apple, offenbar dürstet es den Staat und die Digitalkonzerne gleichermaßen danach, Zugang zu den privaten Daten der Bürger und Verbraucher zu bekommen. Wir sollten alle Hebel in Bewegung setzen, unsere Privatsphäre auch im Zeitalter der Digitalisierung zu bewahren.“



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