Aktuelles, Branche, Studien - geschrieben von am Donnerstag, Oktober 13, 2016 23:50 - noch keine Kommentare

DDoS-Angriffe: Netzneutralität keine Ausrede mehr für mangelnde Cyber-Sicherheit

Internet-Service-Provider könnten für jeden Kunden individuelle Richtlinien und Grenzwerte definieren

[datensicherheit.de, 13.10.2016] Dave Larsson, „COO“ bei Corero Internet Security, erörtert in einer aktuellen Stellungnahme die Frage „Netzneutralität versus Sicherheit? – die Netzneutralität sei eines der grundlegenden Prinzipien des Internets. Das Konzept, dass Service-Provider den Datenstrom von einem Ort zum anderen weiterleiten, ohne den Inhalt zu bewerten, sei weitestgehend akzeptiert – schon allein um die viel beschworene Meinungsfreiheit im Internet zu gewährleisten. Larsson: „Was aber passiert, wenn die fraglichen Inhalte gefährlich sind, wie beispielsweise unerwünschter und böswillig veränderter Traffic als Teil einer DDoS-Attacke?“

Kunden erwarten zunehmend bereinigten Datenstrom

Gerade in jüngster Zeit sei nicht nur die Zahl der Angriffe erneut gestiegen, die Angriffe seien zudem wesentlich intelligenter geworden. Das beeinflusse nicht zuletzt die Rolle von Internet-Service-Providern.
Diese würden von Firmen und Privatpersonen verstärkt in die Pflicht genommen, nur einen bereits bereinigten Datenstrom weiterzuleiten beziehungsweise Kunden besser vor DDoS-Angriffen zu schützen. „Wollen Provider nicht riskieren ihre Kundenbasis zu erodieren, müssen sie auf das veränderte Anforderungsprofil reagieren“, so Larsson. „Was aber sollten sie genau tun?“

Netzneutralität im Spannungsfeld von Sicherheit und Ökonomisierung

Gerade in der Technologiebranche werde das Gebot der Netzneutralität inzwischen zunehmend kontrovers angegangen. Umso mehr, wenn man die Netzneutralität im Licht der jüngsten EU-Datenschutzgesetzgebung betrachtet. Die betreffe nicht zuletzt die Telekommunikationsbranche – ein Grund mehr, warum das Thema nun verstärkt öffentlich diskutiert werde.
Auf der einen Seite gebe es die Sichtweise wie die des HTML-Erfinders und Begründers des „World Wide Web“, Tim Berners-Lee. Die Befürworter argumentierten, dass nur das Prinzip der Netzneutralität ein freies und offenes Internet sowie die Wettbewerbsgleichheit für alle, die dort unterwegs sind, gewährleiste.
Etliche Carrier und ISPs stünden dieser Sichtweise allerdings weit weniger zustimmend gegenüber. Diese hätten gerne mehr Kontrolle über ihre Netzwerke – und sie suchten zudem nach neuen Wegen, sichere Datenleitungen anzubieten und diesen Service zu monetarisieren. Inhalte sollten schneller und gleichzeitig sicherer beim Kunden ankommen. Unerwünschte und gefährliche Inhalte aus dem Datenstrom herauszufiltern, beispielsweise Malware oder Traffic aus Bot-Netzen, sei dann ein klarer Wettbewerbsvorteil, der nicht zu Lasten anderer gehe.
Der Kunde könne wählen: „So wie er sich für eine schnellere Internetverbindung entscheidet, kann er diesen zusätzlichen Dienst seines Providers in Anspruch nehmen. Eine Option, die nicht im Widerspruch zum Konzept des offenen und freien Internets steht“, so Larsson.

Internet-Service-Provider mit neuer Rolle

Eine jüngst von Corero durchgeführte Befragung habe ergeben, dass die Mehrzahl der IT-Sicherheitsprofis, nämlich 53 Prozent, fänden, dass ISPs sich hinter dem Gebot der Netzneutralität versteckten. Die Befragten gingen davon aus, dass Provider das Gesetz nutzten, um ihrer Verantwortung auszuweichen, wenn es darum geht, Kunden vor Cyber-Angriffen zu schützen, wie beispielsweise vor DDoS-Attacken.
„Service-Provider sitzen an einer Schlüsselposition, wenn es um diesen Typus von Angriffen geht, ganz einfach wegen der großen Bandbreite, die über sie läuft, und der vielen angeschlossenen Endkunden. ISPs sind deswegen prädestiniert unerwünschten, schädlichen Traffic bereits an vorgeschalteten Peering-Points herauszufiltern. Also bevor der komplette Datenstrom auf das Netzwerk des Kunden trifft“, erläutert Larsson.
Dieselbe Umfrage habe ergeben, dass eine deutliche Mehrheit (59 Prozent) sich Gedanken darüber mache, ob ihr Provider sie ausreichend vor DDoS-Angriffen schützt, und beinahe ein Viertel der Befragten würde sogar soweit gehen, seinen Provider für die aus einer DDoS-Attacke herrührenden Schäden haftbar zu machen. Dies habe potenziell ernste Konsequenzen für Telekommunikationsanbieter, denn mehr als ein Fünftel (21 Prozent) der Befragten würde den Anbieter wechseln, sollte er nicht in der Lage sein, Kunden vor DDoS-Angriffen zu schützen.
Die Erwartungshaltung der Kunden habe sich in dieser Hinsicht deutlich verändert. Was beim Endnutzer ankommt, sollte demnach keine Mélange aus erwünschten und unerwünschten Daten mehr sein, sondern ein bereits aktiv vom Provider bereinigter Datenstrom. Trotzdem böten längst nicht alle ISPs ihren Kunden diesen Service an.
Das habe verschiedene Gründe. Einer davon sei, „dass sich eine nicht unbeträchtliche Zahl von Telekommunikationsunternehmen immer noch auf veraltete Technologien verlässt“, meint Larsson. Dazu gehöre typischerweise die Methode, potenziellen DDoS-Traffic über „Scrubbing Center“ umzuleiten. Diese Methode sei kostenintensiv und berüchtigt für ihre Langsamkeit. Im Schnitt dauere es über eine Stunde von der Entdeckung eines DDoS-Angriffs bis zum Ergreifen von Gegenmaßnahmen.
Neben anderen Nachteilen sorge das Aussperren von IP-Adressen wie beim „Blackholing“ dafür, dass während einer laufenden DDoS-Attacke die betreffende Website nicht erreichbar sei. „Ein Stück weit macht man damit den Job der Hacker selbst“, warnt Larsson. Wolle man über diesen Weg die Pipeline vollständig bereinigen, sei das in verteilten Netzwerkarchitekturen genauso teuer wie ineffizient.

DDoS-Abwehr automatisieren!

Eine mittlerweile verfügbare Alternative seien In-Line-Lösungen, die in Echtzeit vor DDoS-Angriffen schützten. Provider könnten die Technologie an geeigneten Peering- oder Transit-Points installieren und skalieren.
Solche Systeme hätten den großen Vorteil, dass sie automatisiert arbeiteten und so auf einen DDoS-Angriff in dem Moment reagierten, in dem er stattfindet.
Um den beim Kunden ankommenden Traffic optimal zu bereinigen, sei es möglich, für jeden Kunden individuelle Richtlinien und Grenzwerte zu definieren. Weitere Vorteile lägen darin, Prozesse straffen zu können, über mehr Kontrolle zu verfügen und verlässlich ablaufende Dienstleistungen anbieten zu können.
Halte man sich die potenziellen Folgen eines erfolgreichen DDoS-Angriffs für das eigene Image und den Ruf des Kunden vor Augen, sollten ISPs bei der Wahl ihrer Methoden umdenken. Im Umkehrschluss werde ein Provider, der aktiv den Ruf seiner Kunden schützt, attraktiv für neue Interessenten, unterstreicht Larsson.
Statt sich also wie bisher hinter dem Gebot der Netzneutralität zu verschanzen, hätten Telkos jetzt die Chance ihre Dienste zu modernisieren, die bestehende Kundenbasis zu stabilisieren und innerhalb desselben Prozesses neue Umsatzmöglichkeiten zu generieren.



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