Aktuelles, Experten, Gastbeiträge, Veranstaltungen - geschrieben von am Dienstag, Mai 31, 2011 23:58 - noch keine Kommentare

Konferenz Secret of Ciphers in Prag: Kryptologie-Geschichte aus Erster Hand

Verschlüsselungsmaschine „Enigma“ nur eines von mehreren Themen der viertägigen Veranstaltung

Von unserem Gastautor Klaus Schmeh

[datensicherheit.de, 31.05.2011] Als die Briten im Zweiten Weltkrieg die deutsche Verschlüsselungsmaschine Enigma knackten, nutzten sie Erkenntnisse, die zuvor polnische Mathematiker in über zehnjähriger Arbeit gewonnen hatten. Ohne die Vorarbeit der Polen hätten die Briten die „Enigma“ möglicherweise nie entschlüsselt. Dieser kriegsentscheidende Sachverhalt ist zwar seit langem bekannt, doch in der von angelsächsischen Autoren dominierten Fachliteratur kommt er naturgemäß immer wieder zu kurz. Der Tscheche Jiří Tůma ist dagegen kein Angelsachse und hat dementsprechend einen etwas anderen Blick auf die damaligen Vorgänge – zumal er dank polnischer Sprachkenntnisse viele Originalquellen lesen kann. Sein Vortrag über den polnischen Beitrag zur Entschlüsselung der Enigma war dementsprechend äußerst interessant.
Jiří Tůma war einer der Referenten der vom 30. Mai bis zum 2. Juni 2011 in Prag stattfindenden Veranstaltung „Secret of Ciphers“ mit dem Fokus auf geschichtlichen und gesellschaftlichen Aspekten der Kryptologie. Die in kleinem Rahmen abgehaltene Konferenz lockte etwa 40 Teilnehmer in die tschechische Hauptstadt. Es hätten durchaus mehr sein können, denn die hochkarätigen Referenten hätten sicherlich auch ein größeres Publikum begeistert. Allerdings hatten die Veranstalter vom Prague College, einer privaten Universität, an größeren Besuchermassen gar kein Interesse. „Wir machen diese Konferenz, weil die Kryptologie und ihre Geschichte spannende Themen sind“, berichtete Stefano Cavagnetto vom Organisationsteam. Dass er keine kommerziellen Absichten verfolgte, zeigt die Tatsache, dass die Teilnahme nichts kostete. Im Vordergrund der Konferenz standen demnach auch nicht die neuesten Entwicklungen aus der modernen Kryptologie, sondern Themen, die in Kryptologie-Veranstaltungen sonst kaum zur Sprache kommen. Dazu gehörten unter anderem die „Enigma“, „Kryptologie im Kalten Krieg“, „Quantenkryptografie“ und „Kryptologie in den Medien“.

Foto: Klaus Schmeh

Foto: Klaus Schmeh

Auch deutsche Referenten mischten bei der „Secret of Ciphers“ mit: Der Münchner Max O. Altmann referierte über die Geschichte der Enigma.

Zu den Referenten gehörten auch mehrere Deutsche. Der Münchener Elektronik-Ingenieur Max O. Altmann trug über die Geschichte der „Enigma“ vor und ging dabei auch auf die US-Verschlüsselungsmaschine M-209 ein. Als Spezialist für Rundfunk- und Nachrichtentechnik, der in über 60 Ländern gearbeitet hat, kennt er die Welt der Verschlüsselung aus eigener Erfahrung. Ebenfalls aus Erster Hand konnte der ehemalige BND-Agent Wilhelm Dietl berichten.
Als Journalist getarnt spionierte dieser in verschiedenen asiatischen Ländern, bevor er sich mit seinem Arbeitgeber überwarf. Sein Urteil über den BND fällt heute wenig schmeichelhaft aus. Der Kölner Detlev Vreisleben, der Geheimdienst-Utensilien sammelt, trug ebenfalls vor. Er zeigte zahlreiche interessante Fotos von Verschlüsselungsgeräten, Toten Briefkästen, Geheimtintenpostkarten und einigem mehr. Für besonderes Erstaunen sorgte eine aus zwei Regenschirmen zusammensetzbare Funkantenne.
Mit Spannung erwarteten viele der Besucher die Beiträge zur Geschichte der Kryptologie in Osteuropa. Über diesen Themenkomplex gibt es bisher vergleichsweise wenige öffentliche Informationen. Umso informativer waren die Vorträge einiger tschechischer Referenten, die vor allem von kryptologischen Begebenheiten aus dem Kalten Krieg berichteten.
Offensichtlich gelangen den tschechischen Spezialisten seinerzeit einige interessante Dechiffrier-Erfolge gegen ihre westlichen Kollegen. Leider war es nicht ganz einfach, diesen Vorträgen zu folgen, da die Referenten Tschechisch sprachen und daher übersetzt werden mussten. Bleibt zu hoffen, dass der eine oder andere von ihnen sein Wissen demnächst in einer westlichen Sprache veröffentlichen wird. Die wohl meistgestellte Frage zur osteuropäischen Kryptologie konnte jedoch niemand der Anwesenden beantworten. Sie lautet: Schaffte es die Sowjetunion – sie verfügte über hervorragende Mathematiker –, im Zweiten Weltkrieg die „Enigma“ zu knacken? Bisher ist nichts darüber bekannt…

© Klaus Schmeh

© Klaus Schmeh

Klaus Schmeh ist Autor des Buchs „Codeknacker gegen Codemacher – Die faszinierende Geschichte der Verschlüsselung“ sowie zahlreicher anderer Werke.

Weitere Informationen zum Thema:

SECRET OF CIPHERS
Welcome to CCI – Conference on Cryptography and Intelligence

Klaus Schmeh
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