Aktuelles, Experten - geschrieben von dp am Dienstag, Juni 2, 2026 0:05 - noch keine Kommentare
KI- und Rechenzentrumsausbau in Europa droht zu scheitern
Europa strebt danach, seine Rechenzentrumskapazitäten bis 2032 zu verdreifachen, aber dieses ambitionierte Ziel könnte durch neue eigene regulatorische Hürden gefährdet sein
[datensicherheit.de, 02.06.2026] Die „Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen“ ist ein Zusammenschluss führender Unternehmen der Branche – diese 2018 unter dem Dach vom eco – Verband der Internetwirtschaft e.V. gegründete Initiative möchte demnach durch den Dialog mit Politik und Öffentlichkeit auf die Bedeutung digitaler Infrastrukturen für den Wirtschaftsstandort Deutschland aufmerksam machen. In einer aktuellen Stellungnahme wird auf das Bestreben Europas eingegangen, seine Rechenzentrumskapazitäten bis 2032 zu verdreifachen, und dabei dieses Ziel aber durch neue regulatorische Hürden selbst zu gefährden. Die „Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen“ warnt daher im Vorfeld des erwarteten „Tech Sovereignty Package“ vor praxisfernen Effizienzvorgaben, faktischen Standortvorgaben und zusätzlichen Investitionsrisiken für Rechenzentren. Aus Sicht der Allianz braucht Europa jetzt keine Regulierung, die Transparenz nur auf dem Papier schafft, „sondern schnellere Genehmigungen, planbare Netzanschlüsse und ein praxistaugliches, einheitliches Labeling“. Andernfalls würden dringend benötigte KI- und „Cloud“-Kapazitäten nicht in Europa, sondern eben anderswo entstehen.

Foto: eco
Volker Ludwig: Wenn das „Tech Sovereignty Package“ Rechenzentren vor allem als Regulierungsproblem behandelt, wird Europa seine Digitale Souveränität nicht stärken
Ausbau der Rechenzentrumskapazitäten in der EU nur mit entsprechend positiven Rahmenbedingungen
Es drohe eine regulatorische Fehlsteuerung beim Ausbau von Rechenzentren. Das Ziel der Europäischen Kommission, die Rechenzentrumskapazitäten in der EU bis 2032 zu verdreifachen, ist aus Sicht der Allianz nur erreichbar, „wenn neue Initiativen konsequent aufeinander abgestimmt sind und Investitionen ermöglichen und nicht zusätzliche Hürden für den Ausbau digitaler Infrastrukturen aufbauen“.
- „Europa muss seine infrastrukturelle Basis für Digitale Souveränität stärken und hierfür entsprechend positive Rahmenbedingungen schaffen“, sagt Volker Ludwig, Sprecher der Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen.
Er betont: „Wenn vorschnell praxisferne Effizienzvorgaben, faktische Standortvorgaben und damit zusätzliche Investitionsrisiken eingeführt werden, noch bevor ein einheitliches Labeling eingeführt und getestet wurde, wird das Ziel, KI- und Rechenzentrumskapazitäten zu verdreifachen, nicht erreicht. Dann schafft Europa Transparenz und Effizienz auf dem Papier, aber keine zusätzlichen Kapazitäten im Markt.“
Ignoranz gegenüber Standortrealitäten führt zu negativen Marktverzerrungen
Die Allianz unterstützt grundsätzlich „mehr Transparenz über Energieeffizienz, Wasserverbrauch und den Einsatz erneuerbarer Energien“. Kennzahlen wie „Power Usage Effectiveness“, „Water Usage Effectiveness“ und „Renewable Energy Factor“ könnten einen Beitrag zu Vergleichbarkeit und Nachhaltigkeit leisten. Voraussetzung dafür seien jedoch klar harmonisierte Definitionen, einheitliche Berechnungsmethoden und eine realistische Abbildung regionaler Unterschiede.
- Klimatische Bedingungen, verfügbare Netzkapazitäten, Wasserverfügbarkeit und lokale Infrastruktur entschieden maßgeblich darüber, „welche Effizienzwerte an einem Standort technisch und wirtschaftlich erreichbar sind“. Man werde in der Praxis daher schnell feststellen, „dass eine ,One-Size-fits-all’-Lösung kontraproduktiv ist“.
„Ein Label, das Standortrealitäten ignoriert, wird nicht zu mehr Nachhaltigkeit führen, sondern zu negativen Marktverzerrungen führen“, erläutert Ludwig. Er führt hierzu aus:„Rechenzentren in wärmeren Regionen oder an infrastrukturell schwierigen Standorten dürfen nicht durch schematische Kennzahlen abgewertet werden. Europa braucht ein Label, das Transparenz schafft, kein nicht aussagekräftiges Ampelsystem, das Investitionen in dringend benötigte digitale Infrastruktur abschreckt.“
Ein Rechenzentrum ist auf kontinuierlichen, unterbrechungsfreien Betrieb ausgelegt und kann Lasten nicht beliebig verschieben
Besonders kritisch sieht die Allianz mögliche Anforderungen an Strombezugsmetriken. Eine faktische Verpflichtung zu zeit- und ortsgenauen Herkunftsnachweisen mit sehr hoher Granularität wäre angesichts der derzeit begrenzten Marktverfügbarkeit entsprechender Zertifikate kaum praktikabel. Sie könnte Beschaffungskosten deutlich erhöhen, die Liquidität der Märkte für erneuerbare Energien belasten und zusätzliche regulatorische Komplexität schaffen. Aus Sicht der Allianz müssen Anforderungen an Herkunftsnachweise kohärent mit RED III bleiben.
- Auch Abwärmenutzung und Netzdienlichkeit dürften nicht pauschal verpflichtend werden. Beide Aspekte seien wichtig, aber hochgradig standortabhängig und im Falle von Netzdienlichkeit auch abhängig vom Geschäftsmodell. Ob Abwärme tatsächlich genutzt werden kann, hänge von Wärmenetzen, Abnehmern, technischer Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit vor Ort ab. Ebenso seien Rechenzentren auf einen kontinuierlichen, unterbrechungsfreien Betrieb ausgelegt und könnten Lasten nicht beliebig verschieben, ohne Servicequalität oder vertragliche Verpflichtungen zu gefährden, dies gelte insbesondere für sogenannte Colocation-Rechenzentren.
„Wer aus freiwilligen Kennzahlen schrittweise faktische Pflichten macht, verschiebt die Debatte vom Ausbau zur Verhinderung“, so Ludwig. Nachhaltigkeit brauche praktikable Regeln – indes keine Vorgaben, welche Betreiber für außerhalb ihres Einflussbereichs liegende Infrastruktur verantwortlich machen.
Schnelle und planbarer Zugang zu Energie und Netzanschlüssen als zentraler Engpass für neue Rechenzentrumskapazitäten
Der zentrale Engpass für neue Rechenzentrumskapazitäten bleibe der schnelle und planbare Zugang zu Energie und Netzanschlüssen. Langwierige Genehmigungsverfahren, fehlende Flächen, unklare Anforderungen an Abwärme und zusätzliche Berichtspflichten gefährdeten die Investitionssicherheit zusätzlich. In Deutschland könnten Planungs- und Genehmigungsprozesse für Rechenzentren einschließlich Bauleitplanung und Umweltgenehmigungen mehrere Jahre dauern. Für internationale Investoren sei das ein sehr negatives Standortsignal.
- Die Allianz fordert deshalb, Gesetzgebung konsequent auf praxistaugliche Umsetzung auszurichten – schnellere Genehmigungen, priorisierte Netzanschlüsse für strategisch relevante digitale Infrastrukturen, ausgewiesene geeignete Flächen und ein technologieoffenes, evidenzbasiertes und in Europa einheitliches Labeling. Mindeststandards und neue Grenzwerte dürften erst diskutiert werden, wenn ausreichend belastbare Betriebsdaten aus dem europäischen Reporting-System vorliegen.
„Die entscheidende Frage ist nicht, ob Europa mehr digitale Infrastruktur braucht. Die Frage ist, ob Europa bereit ist, sie auch zu ermöglichen“, gibt Ludwig abschließend zu bedenken und warnt: „Wenn das ,Tech Sovereignty Package’ Rechenzentren vor allem als Regulierungsproblem behandelt, wird Europa seine Digitale Souveränität nicht stärken. Dann entstehen die KI- und ,Cloud’-Kapazitäten, die wir brauchen, woanders.“
Weitere Informationen zum Thema:
eco VERBAND DER INTERNETWIRTSCHAFT
Über uns: eco – Verband der Internetwirtschaft e.V. / Wir gestalten das Internet.
DIGITALE INFRASTRUKTUREN
Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen
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