Aktuelles, Experten - geschrieben von am Freitag, November 5, 2010 15:55 - noch keine Kommentare

FairPlay im Informationszeitalter: WWW braucht VVV

Verbindlichkeit, Verantwortungsbewusstsein und Vertrauen als Erfolgsfaktoren

[datensicherheit.de, 04.11.2010] Am 25. Oktober 2010 stellte die Redaktion von datensicherheit.de erste Überlegungen für ein „10-Punkte-Diskussionspapier zum gesellschaftlichen FairPlay im Informationszeitalter“ online, aus dem am Ende ein umfassendes Positionspapier entstehen soll. In lockerer Reihenfolge werden nun die einzelnen Punkte ausgearbeitet und zur weiteren Diskussion und Modifikation vorgestellt:

1. Absage an den Generalverdacht und den Überwachungswahn!
WWW braucht VVV – wir brauchen die Entfaltung einer Kultur der Verantwortung, der Verbindlichkeit und des Vertrauens.

Bei aller Euphorie hinsichtlich der weiteren Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) sollte niemals vergessen werden, dass sie ein Hilfsmittel für Menschen, nie aber ein Selbstzweck sein kann! IKT stellt Menschen also quasi virtuelle Werkzeuge bzw. Instrumente zur Wertschöpfung und eben leider auch in einigen Fällen für kriminelle Machenschaften zur Verfügung. Dennoch: Wenn Verbrechen begangen werden, dann von realen Menschen an realen Menschen.

Nehmen wir eine Analogiebetrachtung aus der materiellen Welt des „Industriezeitalters“: Sind ein Schraubendreher und ein Hammer „böse“?
Nun, ob mit diesen Werkzeugen in einer Werkstatt Werte geschaffen oder diese für einen Einbruch missbraucht werden, hängt ganz von dem Anwender ab. Wäre es denn angesichts der jedes Jahr mit solchen Werkzeugen begangenen Verbrechen geboten, eine „Bundeserfassungsstelle zur Registrierung trennender, form- und positionsverändernder Werkzeuge“ neu zu schaffen? Ein RFID-Chip für jede Zange? Inventarlisten-Abgleich in Echtzeit und Zuordnung zu einer bestimmten Person z.B. über deren Steuernummer?
Die Diskussion um das Pfand für Einwegleergut vor einigen Jahren, als auch über den Vorschlag nachgedacht wurde, einzelne Getränkedosen in Datenbanken zu registrieren, um der missbräuchlichen Einschleusung ausländischen Leerguts zwecks Pfandrückzahlungs-Erschleichung zu begegnen, hat gezeigt, dass Überwachungs- und Erfassungswahn in Deutschland jederzeit wieder ausbrechen können. Wie schnell Hysterie und Paranoia geschürt, Ängste der Menschen instrumentalisiert werden können, zeigte erst jüngst das Thema „Schweinegrippe“. Wir brauchen also gar nicht erst in die dunklen und dunkelsten Jahre deutscher Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts zurückzugehen.

Haben wir nicht erst vor zwanzig Jahren erlebt, dass ein Gemeinwesen, welches Volksvermögen für die Überwachung der Menschen förmlich verbrennt, Potenzialentfaltung hemmt und Kreativität einengt, zudem zwanghaft am überholten Traum einer maßgeblich durch Landwirtschaft und Schwerindustrie geprägten Volkswirtschaft hängt, zum Scheitern verurteilt ist?
Der Wind der Deindustrialisierung fegte insbesondere nach der Wiedervereinigung hart durch weite Teile Deutschlands, nicht nur auf dem Gebiet der damaligen DDR, – neue innovative Industrien des 21. Jahrunderts keimen langsam auf, sind aber sämtlich auch von IKT abhängig. IKT ist somit zu einem Werkzeug der Wertschöpfung geworden – angefangen vom einzelnen Freiberufler mit seinem Laptop, der z.B. Übersetzungsdienste für seltene Schriftsprachen in den wichtigsten EU-Städten anbietet, bis hin zum Forscher auf dem Gebiet der Nantotechnologie, der Hochleistungsrechner einsetzt.
Das Wertschöpfungspotenzial des „Informationszeitalters“ wird sich aber erst dann richtig spürbar entfalten können, wenn die Anwender kundig und motiviert sind – und eben auch in einem Rahmen des Möglichen so viel Freiheit wie möglich genießen!

Wenn reißerisch und leichtfertig vom „Tatort Internet“ gesprochen wird, bemäntelt dies mehr als es hilft – denn es ist noch gar nicht lange her, da musste nach Jahren und Jahrzehnten des Schweigens und Wegschauens in den Medien doch über den „Tatort Internat“ berichtet werden! Missbrauch an Kindern und Jugendlichen findet in der realen Welt statt, von perversen und irregeleiteten Menschen aus Fleisch und Blut an verletzlichen Wesen.
Dass nun auch das Internet als Instrument für kriminelle Vorhaben genutzt wird, ist schlimm, aber es per se zu dämonisieren ist absurd – ja es schadet der Akzeptanz und damit dem Vorankommen unserer Volkswirtschaft. Ein klares Wort: Verbrechen, unter Zuhilfenahme welcher Werkzeuge auch immer, müssen in einem Rechtsstaat energisch nach Recht und Gesetz verfolgt, aufgeklärt und geahndet werden!
Wer sich übrigens sehr schnell über das „böse Internet“ echauffiert , sollte sich lieber dafür einsetzen, dass in Deutschland ganz real und konsequent Opfer- vor Täterschutz geht, d.h. dass Opfern bzw. deren Angehörigen spürbar beigestanden und geholfen wird.

Will Deutschland erfolgreich in eine neue Gründerzeit eintreten, jene des 21. Jahrhunderts, dann muss generationsübergreifend der Nutzen der IKT erkannt, muss der Umgang mit sinnvollen Anwendungen eingeübt werden. Mit einer Zunahme der Wertschöpfung auf IKT-Basis wird sich zwangsläufig die Kriminalität auch verstärkt dieses Instrumentariums bedienen – da wo Werte geschaffen werden, ballen sich auch parasitäre Strukturen, verbreiten sich Betrug, Abzocke und Missbrauch.
Es ist aber ungeheuerlich, wenn gewählte Volksvertreter sich dann im Amt erdreisten, quasi ihre Wähler unter einen Generalverdacht zu stellen, dem Überwachungswahn huldigen und einen schädlichen Aktionismus propagieren!

Das Internet als Netzwerk der Netzwerke ist so gut oder schlecht wie die Menschen, die es in jedem Bruchteil einer Sekunde nutzen. Es ist Aufgabe der Politik, einen internationalen Ordnungsrahmen auf Basis eines breiten Konsens zu setzen, ansonsten aber die Bürger – immerhin der Souverän in einer Republik – gewähren und wirtschaften zu lassen; nicht zuletzt werden damit ja auch die Steuermittel zur Alimentierung der Politiker erwirtschaftet.
Wir brauchen eine wertschöpfungsfreundliche Kultur – das WWW braucht „VVV“, also Verantwortungsbewusstsein, Verbindlichkeit und Vertrauen!
Sicher: Wir benötigen dazu auch innovative Sicherheitstechnik, die eine möglichst sichere Identifikation von Vertragspartnern bei Rechtsgeschäften über das Internet ermöglicht. Aber ein funktionierender Handel in der realen wie in der virtuellen Welt muss dann auch irgendwann auf Vertrauen setzen, um erfolgreich zu sein. Und die Entwicklung einer Kultur des Vertrauens, des Verantwortungsbewusstseins und der Verbindlichkeit lässt sich in einer Gesellschaft nur über Vorbilder entwickeln – also sind die Prominenten aus Politik, Wirtschaft und Kultur aufgerufen, diese Kultur im Alltag glaubhaft vorzuleben, anstatt Wasser zu predigen, aber Wein zu trinken und Nutznießer von Gefälligkeitsnetzwerken zu sein.

Weitere Informationen zum Thema:

datensicherheit.de, 25.10.2010
datensicherheit.de entwickelt Positionspapier zum gesellschaftlichen FairPlay im Informationszeitalter / Einbindung der Leserschaft und der Kooperationspartner



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