Aktuelles, Experten, Positionspapier - geschrieben von am Donnerstag, August 6, 2026 0:37 - noch keine Kommentare

Digitalisierung der Schiene: TÜV-Verband fordert Modernisierung sicherheitsrelevanter Verfahren

Rahmenbedingungen für Prüfung, Anerkennung und Zulassung sicherheitsrelevanter Signal-, Telekommunikations- und elektrotechnischer Anlagen sollten grundlegend modernisiert werden

[datensicherheit.de, 06.08.2026] Der TÜV-Verband e.V. fordert in seiner aktuellen Stellungnahme „moderne Verfahren für sicherheitsrelevante Steuerungs-, Kommunikations- und Elektrotechnik der Bahn“. Hervorgehoben werden die europäische und auch die nationale Komponente: Europäische Verfahren gelte es zu stärken und Prüfkapazitäten für die „Digitale Schiene“ besser zu nutzen – dennoch müsse auch das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) als zentrale behördliche Entscheidungs-, Notifizierung- und Anerkennungsinstanz eindeutig verankert werden.

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Abbildung: TÜV-Verband e.V. / Tobias Koch

Richard Goebelt: Sicherheit entsteht durch nachvollziehbare Anforderungen, qualifizierte Prüforganisationen und klare Verantwortlichkeiten!

Positionspapier zur „Digitalen Schiene“ veröffentlicht

Die Modernisierung des Bahnsystems sei eine der zentralen infrastrukturpolitischen Aufgaben der kommenden Jahre. Der Ausbau digitaler Leit- und Sicherungssysteme, insbesondere von ETCS und digitalen Stellwerken, sei Voraussetzung für mehr Kapazität, Effizienz und Sicherheit im Schienenverkehr.

  • Deren Ausbau erfordere nicht nur Investitionen in Technik und Infrastruktur, sondern auch in zeitgemäße Prüf-, Anerkennungs- und Zulassungsverfahren.

In seinem aktuellen Positionspapier „Digitale Schiene ermöglichen: Nationale Sonderwege abbauen, Prüfsystem stärken“ fordert der TÜV-Verband daher, die Rahmenbedingungen für Prüfung, Anerkennung und Zulassung von sicherheitsrelevanter Signal-, Telekommunikations- und elektrotechnischer Anlagen (STE-Anlagen) grundlegend zu modernisieren.

Bisherige regulatorische und administrative Rahmenbedingungen aus der Ära der Einzelbewertung von Komponenten

Ziel seien leistungsfähige, skalierbare und europäisch anschlussfähige Verfahren, um ein hohes Sicherheitsniveau zu gewährleisten und die Umsetzung von Infrastrukturprojekten zu beschleunigen.

  • „Vernetzte und softwarebasierte Bahnsysteme verändern den Prüfgegenstand grundlegend und stellen höhere Anforderungen an die Bewertung von STE-Anlagen“, kommentiert Richard Goebelt, Fachbereichsleiter „Fahrzeug & Mobilität“ beim TÜV-Verband.

Er führt erklärend aus: „Die regulatorischen und administrativen Rahmenbedingungen stammen noch aus einer Zeit, in der einzelne Komponenten bewertet wurden. Um digitale Systeme zuverlässig zu bewerten, brauchen wir Prüfstrukturen, die interdisziplinäre Kompetenzen zusammenführen und europäische Verfahren konsequent einbeziehen!“

Bestehende Anerkennungsstrukturen nicht mehr zeitgemäß

Nach Einschätzung des TÜV-Verbands stoßen die bestehenden Anerkennungsstrukturen zunehmend an ihre Grenzen. Das System sei stark auf einzelne Prüfsachverständige zugeschnitten, während sicherheitsrelevante Signal-, Telekommunikations- und elektrotechnische Anlagen der Bahn die Zusammenarbeit unterschiedlicher Fachdisziplinen erforderten.

  • Personenbezogene Anerkennungsmodelle erschwerten den flexiblen Einsatz von Sachverständigen. Nationale Sonderregelungen und parallele Bewertungsverfahren würden zusätzliche Prüfkapazitäten binden und Genehmigungsprozesse verlängern. Der TÜV-Verband empfiehlt deshalb organisationsbasierte Kompetenzstrukturen und eine stärkere Ausrichtung an europäischen Verfahren.

„Sicherheit entsteht durch nachvollziehbare Anforderungen, qualifizierte Prüforganisationen und klare Verantwortlichkeiten!“, unterstreicht Goebelt. Er gibt zu bedenken: „Doppelbewertungen und nationale Sonderverfahren binden Prüfkapazitäten und verlängern Verfahren. Ein modernes Prüfsystem nutzt vorhandene Expertise effizient und orientiert sich konsequent an europäischen Standards.“

Neugestaltung der Zulassungsverfahren laut TÜV-Verband notwendig

Mit dem „Memorandum of Understanding“ über die Neugestaltung der Zulassungsverfahren für Eisenbahnfahrzeuge sei bereits im Jahr 2013 ein entsprechender Systemwechsel eingeleitet worden: Unabhängige Organisationen übernähmen die fachlich-technische Bewertung, während die hoheitliche Zulassungsentscheidung bei der zuständigen Behörde verbleibe. Dieses europäisch ausgerichtete Prinzip sollte nun auch auf die bislang national und personenbezogen geprägten Verfahren bei sicherheitsrelevanten Signal-, Telekommunikations- und elektrotechnischen Anlagen übertragen werden.

  • Der TÜV-Verband empfiehlt, dass eine Anerkennung durch das EBA auf einer Akkreditierung durch eine Akkreditierungsstelle aufbauen kann, um Doppelprüfungen zu vermeiden, die „Eisenbahn-Prüfsachverständigenverordnung“ (EPSV) an die Anforderungen digitaler Bahnsysteme anzupassen und deren Qualifikationsanforderungen stärker an interdisziplinären Kompetenzen auszurichten.

Darüber hinaus sollten europäische Bewertungsstrukturen – etwa im Zusammenspiel von „Benannten Stellen“, „Bestimmten Stellen“ und „unabhängigen Sicherheitsbewertungsstellen“ – konsequent genutzt und nationale Sonderregelungen überprüft werden. Zugleich müsse das EBA als zentrale behördliche Entscheidungs-, Notifizierung- und Anerkennungsinstanz eindeutig verankert werden. So ließen sich Prüfkapazitäten besser nutzen, Genehmigungsverfahren beschleunigen und die Inbetriebnahme neuer STE-Anlagen unterstützen.

Die Empfehlungen des TÜV-Verbands im Überblick:

  • Rahmenbedingungen für das Prüf-, Anerkennungs- und Zulassungssystem von STE-Anlagen modernisieren!
  • Zuständigkeiten der Deutschen Akkreditierungsstelle (DAkkS) sowie des EBA klar definieren und Doppelstrukturen abbauen!
  • Die EPSV modernisieren!
  • Qualifikationsanforderungen weiterentwickeln und organisationsbasierte Prüfstrukturen stärken!
  • Nationale Sonderregelungen abbauen und europäische Verfahren konsequent nutzen!

Weitere Informationen zum Thema:

TÜV VERBAND
Über uns

TÜV VERBAND, Juli 2026
Positionspapier: „Digitale Schiene ermöglichen: Nationale Sonderwege abbauen, Prüfsystem stärken“

TÜV VERBAND
Digitalisierung der Schiene: Rahmenbedingungen für Prüfung, Anerkennung und Zulassung von STE-Anlagen modernisieren / Der TÜV-Verband fordert moderne Prüf-, Anerkennungs- und Zulassungsverfahren für Eisenbahnsysteme. Organisationsbasierte Kompetenzstrukturen und eine stärkere Ausrichtung an europäischen Verfahren können Digitalisierung der Schiene voranbringen.

Eisenbahn-Bundesamt
Das EBA: Das EBA ist zuständige Aufsichts- und Genehmigungsbehörde für alle bundeseigenen Eisenbahnen. Es ist auch zuständige Aufsichtsbehörde für die nichtbundeseigenen Eisenbahnunternehmen, die einer Sicherheitsbescheinigung oder Sicherheitsgenehmigung bedürfen.

Eisenbahn-Bundesamt
Thema: Infrastruktur / STE-Anlagen: Zu den Bahnanlagen gehören neben baulichen Anlagen auch technische Einrichtungen wie Signal-, Telekommunikations- und Elektrotechnische Anlagen (STE-Anlagen).

WIKIPEDIA
European Train Control System

Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz | Bundesamt für Justiz
Verordnung zur Anerkennung, zum Einsatz und zur Überwachung von Prüfsachverständigen im Eisenbahnbereich

DakkS
Deutsche Akkreditierungsstelle

datensicherheit.de, 15.07.2025
Mittels Quantenphysik soll der Eisenbahnverkehr vor Sabotage geschützt werden / Forscher der Technischen Universität Berlin erproben abhörsichere Quantenkryptographie für die künftige Kommunikation im Zugverkehr



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