Aktuelles, Experten, Gastbeiträge - geschrieben von ks am Montag, September 20, 2010 23:28 - noch keine Kommentare
Die Kryha-Verschlüsselungsmaschine: Einer der größten Flops der Kryptologie-Geschichte
Alexander von Kryha (1891-1955) erfand in den 1920er-Jahren eine Verschlüsselungsmaschine – und führte damit zwei Firmen in die Pleite
Von unserem Gastautor Klaus Schmeh
[datensicherheit.de, 20.09.2010] 1955 beging in Baden-Baden ein Mann Selbstmord, dessen Leben wie ein spannender Roman verlief. Alexander von Kryha, so sein Name, war nach dem Ersten Weltkrieg aus seinem Heimatland Ukraine nach Deutschland ausgewandert. Bis heute ist nicht geklärt, wie er zu seinem Adelstitel kam (in der Ukraine gibt es Namenszusätze wie „von“ nicht). Von Hause aus Ingenieur entwickelte von Kryha Mitte der 1920er-Jahre eine Verschlüsselungsmaschine. Diese zählte zweifellos zu den schönsten und elegantesten, die je gebaut wurden – allerdings auch zu den unsichersten. Im Gegensatz zur Enigma und anderen Verschlüsselungsmaschinen der damaligen Zeit war die Kryha-Maschine schon damals leicht zu knacken. Alexander von Kryha wusste das jedoch nicht, oder wollte es nicht wissen. Statt um die Technik kümmerte sich der charismatische Adlige aus dem Osten lieber um Messeauftritte, Pressearbeit und professionelle Marketing-Materialien. Nach außen hin gab er den erfolgreichen Unternehmer, doch die Verkaufszahlen waren katastrophal. Daran änderte sich auch nichts, als von Kryha eine Miniversion („Liliput“) und eine elektrische Version („Elektric“) seiner Maschine auf den Markt brachte. Anfang der 1930er-Jahre ging von Kryhas Firma Pleite.
Als nach dem Zweiten Weltkrieg das Wirtschaftswunder seinen Lauf nahm, startete Alexander von Kryha mit neuen Geldgebern einen zweiten Versuch. An der inzwischen hoffnungslos veralteten Maschine änderte er nichts. Stattdessen setzte er erneut auf sein überzeugendes Auftreten und sein Verkaufsgeschick. Ausgedehnte Geschäftsreisen führten ihn nun bis nach Südamerika – doch vergeblich. Es gibt keine Hinweise darauf, dass Alexander von Kryha in dieser Zeit überhaupt eine Maschine verkaufte. Banken und Großunternehmen lehnten das nach wie vor elegant aussehende Gerät genauso ab wie das Militär in mehreren Ländern. Auch bei Fachleuten in Deutschland und Österreich erntete der selbstbewusste Ingenieur mehr Spott als Bewunderung.
Vom Misserfolg und Spielschulden geplagt ließ sich Alexander von Kryha 1955 schließlich zu Betrügereien hinreißen, die ihn vorübergehend ins Gefängnis brachten. Nun konnten ihm auch seine Geldgeber nicht mehr helfen. Diese hatten seine krummen Touren zunächst gedeckt, um potenzielle Kunden nicht durch polizeiliche Ermittlungen abzuschrecken. Im Mai 1955 fand man Alexander von Kryhas Leiche auf dem Turm Fremersberg in Baden-Baden. Er hatte sich erhängt.
Eine ausführlichere Fassung der Lebensgeschichte des Alexander von Kryha ist soeben in der Fachzeitschrift CRYPTOLOGIA (Ausgabe 4/2010) erschienen.
Die Verschlüsselungsmaschine des Alexander von Kryha hat ein ungewöhnliches Design. Ungewöhnlich ist jedoch auch die geringe Sicherheit, die dieses Gerät bereits vor Erfindung des Computers bot.
Klaus Schmeh ist Autor des Buchs „Codeknacker gegen Codemacher“, in dem es um die Geschichte der Verschlüsselung geht.
Weitere Informationen zum Thema:
CRYPTOLOGIA
Klaus Schmeh: Alexander von Kryha and His Encryption Machines (kostenpflichtiger Artikel in englischer Sprache)
Klaus Schmeh
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datensicherheit.de, 14.09.2009
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