Aktuelles, Branche, Gastbeiträge - geschrieben von am Dienstag, Juli 23, 2019 17:03 - noch keine Kommentare

Cyber-Resilienz in der Energiewirtschaft

Heute die Voraussetzungen für Morgen schaffen

Von unserem Gastautor Moreno Carullo, Gründer von Nozomi Networks

[datensicherheit.de, 23.07.2019] Wenn es um die Netze und Systeme geht, die für die Energiegewinnung und Bereitstellung an private Haushalte und Unternehmen gleichermaßen wichtig sind, spricht man nicht grundlos von einer kritischen nationalen Infrastruktur (CNI) oder wie in Deutschland von einem „kritischen Gemeinwesen“ oder einer „kritischen Infrastruktur“. Werden diese Systeme negativ beeinflusst, hat das weitreichende Folgen, kann potenziell zu wirtschaftlicher Instabilität auf globaler Ebene führen und nicht zuletzt Menschenleben gefährden. Ein Stromausfall von etwa 5 Tagen käme bereits einer nationalen Katastrophe gleich. Nicht ohne Grund gibt der Bund dazu Informationsmaterialien heraus wie Bürger für den Ernstfall Vorsorge treffen können.

Laut Berichten des britischen National Cyber Security Centre (NCSC), des US Department of Homeland Security (DHS) und anderer Regierungsstellen weltweit ist die Zahl der Cyberbedrohungen in diesem Bereich in den letzten Monaten deutlich gestiegen. Kritische Infrastrukturen sind beides gleichermaßen: kritisch und verwundbar. Und genau deshalb sind Prozesse und Anlagen unterschiedlichsten Formen von Angriffen ausgesetzt – ob geopolitisch oder wirtschaftlich motiviert, böswillig oder einer Kombination aus allen dreien.

Die Angriffe nehmen zu

Zunehmend mehr werden auch Angriffe auf Netzwerke in Energie- und Verteilungssystemen und bei Energieversorgern. In diesen Szenarien geht es nicht um den Diebstahl von Daten, sondern um das Stören von Prozessen und mittelbar darum, Instabilität beispielsweise in wirtschaftlicher oder politischer Hinsicht zu erzeugen. Malware-Familien sind speziell für Attacken gegen die betreffenden kritischen Infrastrukturen entwickelt worden. Threat Actors haben sich mit ihren TTPs (Tactics, Techniques and Procedures) dediziert auf diese Ziele fokussiert. Gut in Erinnerung sind noch hochkarätige Attacken wie die beiden Angriffe auf das ukrainische Stromnetz 2015 und 2016 sowie Malware-Infektionen wie DragonFly und Stuxnet. Bekannt geworden sind auch zwei Attacken, die sich gegen deutsche Stromversorger gerichtet haben.

Energiewirtschaftliche Systeme: „Insecure by Design“?

Für Energieversorgungsunternehmen lag (und liegt) der Fokus auf der Hochverfügbarkeit ihrer Systeme. In der Energiewirtschaft durchdringen sich OT und IT aber mehr und mehr. IT-Technologien werden zum Überwachen und intelligenten Steuern der Systeme und Netze benutzt. Je höher allerdings der Grad von Konnektivität und Automatisierung, desto wahrscheinlicher wird eine erfolgreiche Attacke.

Die Herausforderungen gliedern sich im Wesentlichen in drei Bereiche:

  • die eingesetzten Technologien,
  • die betroffenen Prozesse und
  • die Benutzer/Benutzeraktivitäten

Die steigende Konnektivität von Systemen erstreckt sich zum Teil über große geografische Distanzen hinweg und betrifft eine Vielzahl von physischen Systemen. Systeme,  die nicht nach den Prinzipien des „Security by Design“ entwickelt  wurden (wo Authentifizierung, Verschlüsselung und Widerstandsfähigkeit schon in der Konzeptionsphase eine Rolle spielen). Dazu kommt die Kommunikation über unterschiedliche Protokolle. Die Technologien sind allerdings nicht die einzige Herausforderung mit denen Betreiber kämpfen. Unzureichende Sicherheitsprozesse und die mangelnde Expertise im Bereich Cybersicherheit stellen zusätzliche Hürden dar.

Intelligent Electronic Devices (IED), Programmable Logic Controller (PLC) oder Remote Terminal Units (RTU) sind für einen bestimmten Einsatzzweck strukturierte, mächtige Computersysteme und primär dazu gedacht physische Komponenten wie Ventile, Pumpen, Motoren und so weiter zu steuern und zu überwachen. Diese Systeme nutzen unsichere Protokolle, bei denen auf in der IT gängige Sicherheitsmaßnahmen wie Authentifizierung und Verschlüsselung verzichtet wurde. Einfach, weil bei ihrer Entwicklung Sicherheit noch kein Thema war und der Fokus primär auf Verfügbarkeit lag. Prinzipiell sind die Datenströme im Netzwerk für praktisch jeden Benutzer sichtbar. Eingebaute Wartungszugänge dienen der Bestandsverwaltung, gefährden aber diese besonders langlebigen Systeme zusätzlich. Nun sind sie Teil eines unsicheren Ökosystems in dem die Verfügbarkeit per Definition eine höhere Priorität hat als die Sicherheit.

Transparenz in energiewirtschaftlichen Netzwerken: Die Aufgaben der IEC Working Group 15 (WG 15) der IEC TC 57

Die IEC TC57 WG15 ist eine Gruppe von Experten, Beratern und Herstellern, die erstmals im Jahr 2000 zusammenkamen angetrieben von wachsenden Sicherheitsbedenken. Die Gruppe beschäftigt sich nicht nur mit der Forschung und Entwicklung von Standards für Ende-zu-Ende Sicherheit, sondern überprüft diese regelmäßig und berät auch andere Gruppen. Die WG 15 der IEC TC 57 arbeitet an der Normenreihe IEC 62351. Diese besteht ihrerseits aus insgesamt 14 Bestandteilen, welche Cybersicherheit für die Kommunikationsprotokolle in der Energieversorgung beschreiben. Diese Protokolle sind in den Standards IEC 60870-5, IEC 60870-6, IEC 61850, IEC 61970 und IEC 61968 festgeschrieben.

Heute kann man unsichere Systeme schützen und überwachen. Was die Architektur und Segregation in aktuellen Netzwerken anbelangt trägt die IEC 62443-Familie von Standards dazu bei, Sicherheitsanforderungen und Produktivität in Einklang zu bringen. Die dazu nötigen Technologien existieren bereits. Sie erfassen präzise den kompletten Bestand an Systemen in der betreffenden Infrastruktur, überwachen die Aktivitäten dieser Systeme und führen Schwachstellen-Assessments durch.

Das ist heute schon möglich. Ziel für morgen ist allerdings eine „End-to-End-Security by Design“ mit folgenden Komponenten:

  • Authentifizierung aller Systeme, Geräte und Anwendungen, die Daten verschicken und empfangen
  • Autorisierung aller Interaktionen wie aufrufen, lesen, schreiben, kontrollieren, erstellen und löschen von Daten
  • Datenintegrität sämtlicher Interaktionen und der zwischen den Systemen ausgetauschten Informationen
  • Überprüfbarkeit (Accountability) gewährleistet, dass eine Einheit nicht bestreiten kann eine bestimmte Nachricht erhalten zu haben oder aufgrund einer Nachricht tätig geworden zu sein
  • Verfügbarkeit von Interaktionen kann sich in einem Bereich von Millisekunden, Stunden oder auch Tagen bewegen
  • Vertraulichkeit, die üblicherweise für Finanzdaten, Märkte sowie Unternehmensdaten und private Information unabdingbar ist

Dazu dienen Kommunikationsstandards wie die bereits von der WG15-Gruppe entwickelten. Andere befinden sich derzeit in der Testphase hinsichtlich der nötigen Interoperabilität und aufgrund von Compliance-Anforderungen. Neben den Standards der WG15 gibt es eine Reihe weiterer Standards, die von anderen Gruppen entwickelt wurden.

Fazit

Das Weltwirtschaftsforum im Januar zählt Cyberangriffe auf industrielle Systeme und kritische Infrastrukturen zu den größten Risiken für die internationale Stabilität. Die Studienergebnisse von Marsh bestätigen diese Einschätzung. Laut einer Befragung vom letzten Jahr befürchten drei Viertel der Führungskräfte im Energiesektor, dass Cyberangriffe den Geschäftsbetrieb unterbrechen könnten, und mehr noch, dass sie sich darauf vorbereiten, ihre Investitionen in den Bereich Risikomanagement für Cybersicherheit zu erhöhen.

An die Stelle der traditionellen Air-Gapped-Netzwerke treten aufgrund unternehmerischer Erfordernisse mehr und mehr IIoT-basierte Systeme. Will man die Vorteile der Vernetzung in einer kritischen Infrastruktur umfassend nutzen, ist es entscheidend sämtliche Netzwerke und Geräte zu erfassen und abzusichern. Jedes Gerät ist ein potenzieller Zugangspunkt für Angreifer. Dazu kommt die Pflege des bestehenden Inventars. Dabei müssen alle Geräte im Netzwerk genau erfasst werden. Auf sämtlichen Software‐ und Hardwarekomponenten sollten die neuesten Patches eingespielt sein, um Schwachstellen auszumerzen, die Angreifer sonst ausnutzen könnten. Schulungen spielen eine wichtige Rolle, um die Mitarbeiter aufzuklären und zu sensibilisieren und Unternehmen müssen für unterschiedliche Schutzebenen sorgen. Das reicht vom Absichern des Netzwerks selbst bis dahin es auf Anomalien hin zu überwachen, die Anzeichen für eine Cyberbedrohung sein könnten. Alle derzeitigen Anstrengungen werden auch morgen noch ihre Berechtigung haben, wir müssen allerdings zukünftig den Fokus verändern. Der sollte nicht länger auf den „Bad Guys“ liegen, sondern auf einem funktionierenden Security-by-Design-Ansatz für den wir bereits jetzt den Grundstein legen.

Weitere Informationen zum Thema:

datensicherheit.de, 27.02.2019
GreyEnergy bedroht Kritische Infrastrukturen

datensicherheit.de, 18.02.2019
KRITIS: Cyber-Angriff als Ursache von Versorgungsengpässen

datensicherheit.de, 16.10.2018
KRITIS: Security und Safety ganzheitlich zu gestalten

datensicherheit.de, 03.09.2018
Cybersicherheit in Industrie und Kritischer Infrastruktur muss ganzheitlich gedacht werden

datensicherheit.de, 12.05.2017
Wana-Ransomware: Weltweite Cyber-Attacke auf kritische Infrastrukturen



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