Aktuelles, Experten - geschrieben von dp am Samstag, April 4, 2026 0:10 - noch keine Kommentare
Finnlands Weg der NIS-2-Umsetzung: Pragmatische Lösungen und Bürokratie-Vermeidung
Kooperation statt „Melde-Tsunami“: Finnisches Modell zur NIS-2-Umsetzung soll Zusammenarbeit zwischen Staat und Wirtschaft stärken
[datensicherheit.de, 04.04.2026] Mittels der neuen „Network and Information Security“-Richtlinie (NIS-2) beabsichtigt die Europäische Union (EU), durch strengere und einheitliche Cybersicherheitsvorgaben die Widerstandsfähigkeit kritischer Sektoren gegen Cyberkriminalität und böswillige Angriffe in ganz Europa zu stärken. In Deutschland ist das entsprechende Umsetzungsgesetz (NIS2UmsuCG) bereits seit Dezember 2025 in Kraft und setzt die Wirtschaft enorm unter Druck: Rund 30.000 Unternehmen aus 18 Sektoren gelten als davon betroffen. Nach Ablauf der ersten Registrierungsfristen im März 2026 herrscht vielerorts offenbar Unsicherheit bei der konkreten Umsetzung, der Aufsichtspraxis und den komplexen Meldepflichten. Ein vergleichender Blick nach Finnland könnte da eine hilfreiche Orientierung bieten: Dort wurden EU-Vorgaben nach aktuellen Angaben vom Finnish Information Security Cluster (FISC) bereits im April 2025 erfolgreich umgesetzt – mit einem Ansatz, der demnach auf Pragmatismus und Kooperation setzt und Bürokratie vermeiden soll.

Foto: Liisa Takala
Peter Sund: In Finnland ist die Sicherheit der Gesellschaft eine gemeinsame Aufgabe, die auf gegenseitigem Vertrauen basiert
„Whole-of-Society“-Ansatz für enge Kooperation und pragmatische Umsetzung der NIS-2-Richtlinie
Als ein Schlüsselfaktor für den finnischen Erfolg gilt die tief verwurzelte Sicherheitskultur – d.h. ein gemeinsames Verständnis von Sicherheit als zentralen Aspekt, dem alle Beteiligten tagtäglich folgen und es fördern.
- Basierend auf einem „Whole-of-Society“-Ansatz, bei dem Staat, Wirtschaft und Gesellschaft eng kooperieren, sei die NIS-2-Richtlinie pragmatisch umgesetzt worden: Mit dem Cybersicherheitsgesetz (124/2025) habe Finnland die Vorgaben der NIS-2-Richtlinie in einem nationalen Gesetz gebündelt. Die speziellen Anforderungen, die Behörden betreffen, seien in das Gesetz über das Informationsmanagement in der öffentlichen Verwaltung integriert worden.
Dadurch profitierten Unternehmen und öffentliche Einrichtungen von deutlich mehr Transparenz und klareren Zuständigkeiten im Bereich der Cybersicherheit. Das Gesetz stärke die nationale Cybersicherheit, indem es Mindestanforderungen für das Risikomanagement und die verpflichtende Meldung von Sicherheitsvorfällen definiere, welche für viele kritische Branchen und Unternehmen gälten.
Finnischer Fokus der NIS-2-Umsetzung auf einheitlichem risikobasierten Vorgehen
„In Finnland ist die Sicherheit der Gesellschaft eine gemeinsame Aufgabe, die auf gegenseitigem Vertrauen basiert“, kommentiert Peter Sund, der FISC-CEO. Er führt weiter aus: „Dieser kooperative Geist hat es uns ermöglicht, die NIS-2-Anforderungen effizient zu integrieren, da die meisten kritischen Unternehmen bereits über hohe Sicherheitsstandards verfügten.“
- Der Fokus bei der NIS-2-Umsetzung habe auf einem einheitlichen, risikobasierten Vorgehen gelegen, welches auf Vertrauen statt auf übermäßige Kontrolle setze. So verzichte das finnische Gesetz bewusst auf Ressourcen verzehrende, regelmäßige Pflicht-Audits für alle betroffenen Unternehmen.
Stattdessen müssten Organisationen ein funktionierendes und nachweisbares, auf ihre spezifischen Gegebenheiten zugeschnittenes Risikomanagement etablieren. Dies ermögliche es Unternehmen, Ressourcen in tatsächliche Sicherheitsmaßnahmen zu investieren, anstatt sie für reine „Compliance“-Nachweise zu binden.
Vom IT-Problem zur Chefsache: Kulturwandel für mehr Resilienz im NIS-2-Kontext
Ein weiterer entscheidender Punkt des finnischen Modells sei die klare Adressierung der Unternehmensführung: Ihre direkte Verantwortlichkeit werde als zentraler Hebel für einen nachhaltigen Wandel betrachtet.
- „Die persönliche Haftung der operativen Geschäftsführung ist einer der stärksten Motoren für einen Kulturwandel. Sie sorgt dafür, dass Cybersicherheit nicht als reines IT-Thema, sondern als strategische Unternehmensaufgabe verstanden wird, um vielfältige Geschäftsrisiken zu bewältigen, die Auswirkungen auf die breite Gesellschaft haben“, so Sund.
Dieser Ansatz stelle sicher, dass notwendige Investitionen und prozessuale Änderungen angemessen priorisiert würden. Das deutsche Umsetzungsgesetz setze ebenfalls auf Verantwortlichkeit – die praktische Umsetzung und Durchsetzung der persönlichen Haftung seien derzeit jedoch weniger klar und rigide geregelt.
Umsetzung der NIS-2-Richtlinie als Chance begreifen
„Die Umsetzung der NIS-2-Richtlinie bietet die Chance, die digitalen Risiken des eigenen Unternehmens besser zu steuern. Cybersicherheit lässt sich entweder budgetieren oder durch eine Krise finanzieren – letzteres ist unkalkulierbar teurer“, betont Sund.
- Darüber hinaus sei angesichts der Zunahme von Cyberkriminalität und anderen Angriffen proaktives Handeln alternativlos: Allein in Finnland würden etwa zwei bösartige Angriffsversuche pro Sekunde registriert. Ein robustes Sicherheitsmanagement werde so zu einem entscheidenden Faktor für die Stabilität der gesamten Lieferkette.
Finnland habe eines der am weitesten entwickelten „Cybersecurity-Ökosysteme“ Europas. Die Marktgröße sei vergleichbar mit der Spaniens, bei einem Bruchteil der Bevölkerung.
Finnische Firmen führend in entscheidenden NIS-2-relevanten Bereichen
Mit seiner Spitzenposition im internationalen Cybersecurity-Ranking und einer hohen Dichte an Technologie-Unternehmen biete Finnland die in Deutschland stark nachgefragten Ressourcen.
- Finnische Firmen seien führend in entscheidenden NIS-2-relevanten Bereichen wie Post-Quantum-Verschlüsselung, Identitäts- und Zugriffsmanagement (IAM), sicheren Komponenten wie Chips, Cybersicherheitsdiensten für KMU sowie KI-gestützter Bedrohungserkennung.
Für die deutsche Wirtschaft bedeute der Zugang zu diesen erprobten Lösungen und der dahinterstehenden Expertise – beispielsweise durch bilaterale Kooperationen, Austauschprogramme und gemeinsame Innovationsnetzwerke – eine Chance, die eigene Digitale Souveränität zu stärken und die Herausforderungen der NIS-2-Umsetzung erfolgreich zu meistern.
Weitere Informationen zum Thema:
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